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Autorin: Dr. Heike Thüring-Nahler | Diplom-Biologin, Vita 34

Spina bifida: Intrauterine Therapie eröffnet neue Perspektiven in der Behandlung dieser komplexen Fehlbildung. Trotz erfolgreicher Folsäureprävention bleibt die Spina bifida mit schweren neurologischen Langzeitfolgen eine klinisch relevante Herausforderung. Die intrauterine Operation verbessert wichtige Outcomes, kann jedoch bereits entstandene Nervenschäden nicht rückgängig machen.

Neue Ansätze nutzen Stammzellen aus Plazenta und Nabelschnur, um das fetale Rückenmark zu schützen und Regeneration zu fördern. Erste klinische Studien mit PMSCs zeigen Sicherheit und neuroprotektive Effekte. Tiermodelle und postnatale Anwendungen bestätigen das Potenzial mesenchymaler Stromazellen. Für Gynäkolog:innen und Hebammen gewinnen perinatale Gewebe daher an Bedeutung und könnten künftig therapeutisch relevante Ressourcen darstellen. Damit rückt die intrauterine Therapie der Spina bifida zunehmend in den Fokus innovativer Behandlungsstrategien.

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Inhalt:

Spina bifida: Intrauterine Therapie und neue Perspektiven durch Stammzellen aus Plazenta und Nabelschnur

Spina bifida: Intrauterine Therapie im Kontext einer komplexen Fehlbildung

Die Spina bifida ist eine angeborene Fehlbildung des Neuralrohrs, die in der 3.–4. Embryonalwoche entsteht. Die schwerste Form, die Myelomeningozele (MMC), geht mit einer offenen Rückenmarksläsion einher. Durch den unvollständigen Neuralrohrverschluss kommt es zu einer Exposition neuraler Strukturen gegenüber dem intrauterinen Milieu.

In Deutschland liegt die Prävalenz bei etwa 1 von 1.000 Kindern. Durch die flächendeckende Empfehlung zur Folsäureprophylaxe konnte die Inzidenz deutlich gesenkt werden – dennoch bleibt die Erkrankung klinisch bedeutsam.

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Typische Langzeitfolgen sind:

  • motorische Defizite bis zur Paraplegie
  • neurogene Blasen- und Darmfunktionsstörungen
  • Hydrozephalus
  • kognitive Einschränkungen

Pathophysiologisch wird die sogenannte Two-Hit-Hypothese diskutiert:

  1. Primäre Fehlbildung des Neuralrohrs
  2. Sekundäre intrauterine Schädigung durch Fruchtwasserexposition und mechanische Traumatisierung

Gerade der zweite Schaden stellt einen potenziell therapeutisch beeinflussbaren Ansatz dar.

Grenzen der intrauterinen Therapie bei Spina bifida

Seit der MOMS-Studie ist die pränatale operative Versorgung der MMC ein etablierter Therapieansatz. Die intrauterine Defektdeckung reduziert signifikant:

  • die Notwendigkeit einer ventrikuloperitonealen Shuntanlage
  • die Ausprägung der Chiari-II-Malformation

Dennoch bleiben funktionelle Einschränkungen bestehen: In der MOMS-Kohorte waren 58 % der pränatal operierten Kinder nicht selbstständig gehfähig.

Die mechanische Defektdeckung schützt das Rückenmark vor weiterer Schädigung – bereits eingetretene neuronale Verluste können jedoch nicht regeneriert werden.

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Hier setzt die regenerative Medizin an.

Plazenta-abgeleitete mesenchymale Stromazellen – erste klinische Anwendung

In der 2026 im Lancet publizierten Phase-1-Studie (CuRe Trial) wurden erstmals lebende Stammzellen im Rahmen der fetalen MMC-Reparatur eingesetzt [1] .

Dabei wurden allogene plazenta-abgeleitete mesenchymale Stromazellen (PMSCs) auf ein Matriximplantat aufgebracht und direkt auf das exponierte Rückenmark appliziert.

Ergebnisse der ersten sechs behandelten Fälle:

  • technisch durchführbar
  • keine zellassoziierten Nebenwirkungen
  • keine Wundheilungsstörungen
  • keine Tumorbildung
  • Rückbildung der Hindbrain-Herniation in allen Fällen

Diese Studie belegt erstmals die Sicherheit einer lokalen Stammzellapplikation am fetalen ZNS beim Menschen.

Die präklinischen Vorarbeiten zeigten, dass PMSCs:

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  • neuroprotektiv wirken
  • Apoptose reduzieren
  • entzündliche Prozesse modulieren
  • neurotrophe Faktoren sezernieren

Umbilikale MSCs im Tiermodell – Proof of Principle

Ergänzend dazu untersuchte Bamberg et al. 2026 die lokale Applikation eines gebrauchsfertigen MSC-Produkts aus humanem Nabelschnurgewebe (Desacell®) im ovinen MMC-Modell [2]

Die MSCs wurden direkt auf die Neuralplatte appliziert. Die Studie konnte zeigen:

  • technische Machbarkeit in allen vorgesehenen Fällen
  • keine Tumorbildung
  • Hinweise auf bessere Gewebeprotektion
  • Erhalt großer Motoneurone in der grauen Substanz

Obwohl die Fallzahl klein war, stellt diese Arbeit einen wichtigen translationalen Schritt dar – insbesondere hinsichtlich standardisierter, gebrauchsfertiger Zellprodukte aus Nabelschnurgewebe.

Postnatale MSC-Therapie ergänzt die intrauterine Therapie bei Spina bifida

Auch postnatal wurden mesenchymale Stromazellen aus Wharton’s Jelly untersucht. In einer retrospektiven Analyse von 28 Kindern mit Spina bifida zeigte die intravenöse Gabe von Nabelschnur-MSCs [3]:

  • verbesserte Muskelkraft
  • bessere Blasen- und Darmkontrolle
  • teilweise verbesserte kognitive Funktionen

Die Therapie zeigte ein günstiges Sicherheitsprofil.

Diese Daten unterstreichen das Potenzial mesenchymaler Stromazellen als neuroprotektive und immunmodulatorische Therapieoption.

Relevanz der intrauterinen Therapie für Geburtshilfe und Hebammen

Für Gynäkolog:innen und Hebammen ergeben sich mehrere zentrale Aspekte:

1.  Prävention bleibt essenziell

Die perikonzeptionelle Folsäuregabe ist weiterhin die effektivste Maßnahme zur Senkung der Neuralrohrdefektrate.

2. Frühdiagnostik ermöglicht neue Therapieoptionen

Die frühe sonographische Diagnostik (18.–22. SSW) ist entscheidend für die Überweisung in fetale Therapiezentren.

3. Perinatale Gewebe gewinnen therapeutische Bedeutung

Plazenta und Nabelschnur enthalten hochpotente mesenchymale Stromazellen mit:

  • immunmodulatorischen Eigenschaften
  • neuroprotektiver Wirkung
  • hoher Expansionsfähigkeit

Diese Gewebe galten lange als biologisches Abfallprodukt nach der Geburt – heute stehen sie im Fokus translationaler Therapieansätze.

Zukunft der Spina bifida: Intrauterine Therapie und regenerative Medizin

Mit der Entwicklung intrauteriner und postnataler Zelltherapien stellt sich zunehmend die Frage:

Sollte bei diagnostizierter oder potenziell risikobehafteter Schwangerschaft die Sicherung von Nabelschnurblut oder -gewebe erwogen werden?

Während viele Anwendungen sich noch in klinischer Prüfung befinden, zeigen:

  • die erste Phase-1-Studie am Menschen
  • präklinische Großtiermodelle
  • postnatale klinische Beobachtungen

ein konsistentes Signal für Sicherheit und biologisches Potenzial.

Gerade in einem sich dynamisch entwickelnden Feld wie der regenerativen Medizin könnte die Verfügbarkeit autologer oder allogener perinataler Stammzellquellen künftig therapeutische Relevanz besitzen.

Fazit

Spina bifida ist trotz sinkender Inzidenz weiterhin eine schwerwiegende Erkrankung mit lebenslanger Morbidität.

Die intrauterine Chirurgie stellt einen Meilenstein dar, adressiert jedoch primär die mechanische Komponente der Erkrankung.

Stammzellbasierte Therapien aus:

eröffnen eine neue Dimension – nicht nur Schutz, sondern potenzielle Regeneration des fetalen Rückenmarks.

Für die geburtshilfliche Praxis bedeutet dies:

  • Prävention durch Folsäure bleibt unverzichtbar
  • Frühdiagnostik ist entscheidend
  • Regenerative Ansätze werden klinische Realität
  • Perinatale Gewebe könnten künftig therapeutisch relevant sein

Die Kombination aus fetaler Chirurgie und biologischer Therapie könnte in den kommenden Jahren einen Paradigmenwechsel in der Behandlung der Myelomeningozele markieren.

Quellen

  1. Farmer DL, Kumar P, Reynolds E, et al.
    Feasibility and safety of cellular therapy for in-utero repair of myelomeningocele (CuRe Trial): a first-in-human phase 1/2a study. Lancet. 2026;407(103xx):867–875.
  2. Bamberg C, Tomuschat C, Hecher K, Rüdiger M, Möbius MA, Hagel C, et al.
    In vivo therapy for prenatal repair of the ovine fetal myelomeningocele model using human umbilical cord-derived mesenchymal stem cells: proof of principle. J Perinat Med. 2026;54(aop). doi:10.1515/jpm-2025-0577.
  3. Boruczkowski D, Zdolińska-Malinowska I.
    A retrospective analysis of safety and efficacy of Wharton’s jelly stem cell administration in children with spina bifida. Stem Cell Rev Rep. 2019;15:717-729.

Über die Autorin

Dr. Heike Thüring-Nahler

Diplom-Biologin (Promotion, Mikrobiologie und Klinische Immunologie, FAU Erlangen-Nürnberg).

Über 20 Jahre Erfahrung im Vertrieb in Diagnostik, Pharma und Bioscience.

Langjährig tätig für die Stammzellbank Vita 34, seit 2020 im Commercial Bereich und als KOL Managerin.

Dr. Heike Thüring-Nahler

FAQ: Spina bifida und intrauterine Therapie - Spina bifida: Intrauterine Therapie – Neue Chancen durch Stammzellen

Quick Facts

Was ist die intrauterine Therapie bei Spina bifida?

+

Die intrauterine Therapie bei Spina bifida ist ein pränataler chirurgischer Eingriff, bei dem der offene Rückenmarksdefekt (Myelomeningozele) bereits im Mutterleib verschlossen wird. Ziel ist es, das Rückenmark vor weiterer Schädigung zu schützen und neurologische Folgeschäden zu reduzieren.

Wie wirksam ist die intrauterine Therapie bei Spina bifida?

+

Studien wie die MOMS-Studie zeigen, dass die intrauterine Therapie das Risiko für einen Hydrozephalus sowie die Chiari-II-Malformation deutlich senken kann. Dennoch bleiben häufig funktionelle Einschränkungen bestehen, da bereits entstandene Nervenschäden nicht vollständig rückgängig gemacht werden können.

Welche Rolle spielen Stammzellen bei der intrauterinen Therapie?

+

Stammzellen aus Plazenta und Nabelschnur werden ergänzend zur Operation eingesetzt, um das fetale Rückenmark zu schützen. Sie wirken neuroprotektiv, entzündungshemmend und fördern regenerative Prozesse im geschädigten Gewebe.

Gibt es bereits klinische Studien zur Stammzelltherapie bei Spina bifida?

+

Ja, erste klinische Studien (z. B. der CuRe Trial) zeigen, dass die Anwendung plazenta-abgeleiteter mesenchymaler Stromazellen (PMSCs) während der fetalen Operation sicher und technisch machbar ist. Zudem wurden erste positive Effekte auf die Entwicklung des zentralen Nervensystems beobachtet.

Können Stammzellen bereits entstandene Schäden heilen?

+

Aktuell liegt der Fokus auf dem Schutz und der Unterstützung des geschädigten Gewebes. Eine vollständige Regeneration bereits zerstörter Nervenzellen ist derzeit noch nicht möglich, jedoch zeigen Studien vielversprechende Ansätze zur Verbesserung der Funktion.

Welche Bedeutung haben Nabelschnur und Plazenta für zukünftige Therapien?

+

Perinatale Gewebe wie Nabelschnur und Plazenta enthalten wertvolle mesenchymale Stromazellen. Diese könnten zukünftig eine wichtige Rolle in der regenerativen Medizin spielen, insbesondere bei der Behandlung neurologischer Erkrankungen wie Spina bifida.

Sollte man Nabelschnurblut bei Spina bifida einlagern?

+

Die Einlagerung von Nabelschnurblut oder -gewebe kann sinnvoll sein, da diese Stammzellen für zukünftige Therapien genutzt werden könnten. Viele Anwendungen befinden sich jedoch noch in der klinischen Forschung.

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