Das Wichtigste auf einen Blick
✓ Frühzeitig informieren: Die Entscheidung über eine Einlagerung sollte möglichst schon während der Schwangerschaft getroffen werden, da die Gewinnung nur rund um die Geburt möglich ist.
✓ Die Entnahme erfolgt nach der Geburt: Sie ist für Mutter und Kind schmerzfrei und beeinträchtigt das Bonding nicht.
✓ Verzögertes Abnabeln und Nabelschnurblutentnahme können grundsätzlich miteinander vereinbar sein. Ein vollständiges Auspulsieren kann dagegen die gewinnbare Blutmenge deutlich reduzieren.
✓ Private Einlagerung und öffentliche Spende unterscheiden sich wesentlich: Bei einer privaten Einlagerung bleiben die Stammzellen gezielt verfügbar, bei einer Spende besteht später kein persönlicher Anspruch auf die Probe.
✓ Nabelschnurblut kann auch für Geschwister relevant sein: Die Wahrscheinlichkeit einer vollständigen HLA-Übereinstimmung zwischen Geschwistern liegt bei etwa 25 Prozent.
✓ Eine informierte Entscheidung ist entscheidend: Eltern sollten sich über Möglichkeiten, Grenzen und Kosten informieren und ihre Entscheidung auf Grundlage verlässlicher Informationen treffen
Fachlich geprüft von: Dr. rer. nat. Marion Bartel | Diplom-Biochemikerin, Vita 34
Nabelschnurblut aus Sicht einer Hebamme
Hebammen begleiten werdende Eltern durch Schwangerschaft, Geburt und die erste Zeit mit dem Baby – und sind dabei Ansprechpartnerinnen für viele Fragen und Unsicherheiten. Dazu gehört auch die Frage, was nach der Geburt mit dem Nabelschnurblut passiert.
Wie läuft die Entnahme ab? Beeinträchtigt sie das Bonding? Und lässt sie sich mit verzögertem Abnabeln vereinbaren? Im Interview beantwortet Hebamme Lorena Schabel häufige Fragen werdender Eltern und berichtet von ihren Erfahrungen aus der Praxis.
Inhaltsverzeichnis
- Welche Fragen haben Eltern zur Nabelschnurblut-Einlagerung?
- Wann sollten sich Eltern informieren?
- Was kostet eine private Einlagerung – und lohnt sie sich?
- Beeinflusst die Entnahme Geburt oder Bonding?
- Auspulsieren und Nabelschnurblutentnahme – geht beides?
- Welche Mythen gibt es über Nabelschnurblut?
- Was sollten unentschlossene Eltern beachten?
- Welche Möglichkeiten bietet Plazentagewebe?
Welche Fragen stellen werdende Eltern am häufigsten zur Einlagerung von Nabelschnurblut?
Viele Eltern möchten zunächst verstehen, was Nabelschnurblut überhaupt ist und wofür die darin enthaltenen Stammzellen genutzt werden können. Häufige Fragen betreffen die möglichen Anwendungsgebiete bei bestimmten Erkrankungen, die Unterschiede zwischen einer privaten Einlagerung und einer öffentlichen Spende sowie den Ablauf der Entnahme direkt nach der Geburt.
Viele Eltern hören erst spät von dieser Möglichkeit. Wann sollte man sich idealerweise informieren?
Idealerweise informieren sich werdende Eltern bereits zu Beginn der Schwangerschaft über das Thema Nabelschnurblut. Bei einer geplanten Schwangerschaft kann es sogar sinnvoll sein, sich schon vor der Schwangerschaft damit auseinanderzusetzen. So bleibt genügend Zeit, sich umfassend zu informieren und gegebenenfalls eine Geburtsklinik auszuwählen, in der die Entnahme und Einlagerung von Nabelschnurblut möglich ist.
Sprechen Sie mit Eltern darüber, ob sich die Kosten einer privaten Nabelschnurblut-Einlagerung lohnen?
Eine private Einlagerung ist zweifellos eine größere Investition. Gleichzeitig sollten Eltern bedenken, dass sie bei einer öffentlichen Spende später keinen Zugriff mehr auf die eigenen Stammzellen haben. Viele Familien empfinden den potenziellen Nutzen der eingelagerten Stammzellen als wertvoller als die Kosten. In meiner Erfahrung übernehmen auch häufig Großeltern die Einlagerung als Geburtsgeschenk – eine Investition in die Zukunft des Kindes, die für manche Familien einen besonderen Stellenwert hat.
Beeinflusst die Entnahme von Nabelschnurblut den Geburtsablauf oder das Bonding mit dem Baby?
Nein. Die Entnahme erfolgt erst nach der Geburt und beeinträchtigt weder den Geburtsverlauf noch das erste Kennenlernen zwischen Eltern und Kind. Das Bonding kann wie gewohnt stattfinden. Die Entnahme ist für Mutter und Baby schmerzfrei und wird von geschultem medizinischem Personal durchgeführt.
Ein häufiges Thema ist das Auspulsieren der Nabelschnur. Lässt sich das mit der Einlagerung von Nabelschnurblut vereinbaren?
Ein vollständiges Auspulsieren der Nabelschnur ist mit der Gewinnung von Nabelschnurblut nicht vereinbar. Das heute empfohlene verzögerte Abnabeln von etwa 30 bis 60 Sekunden lässt sich jedoch in der Regel problemlos mit der Entnahme von Nabelschnurblut kombinieren. Beides schließt sich also nicht grundsätzlich aus und wird in vielen Kliniken erfolgreich umgesetzt.
Welche Mythen oder Missverständnisse begegnen Ihnen rund um Nabelschnurblut besonders häufig?
Rund um Nabelschnurblut gibt es viele Missverständnisse. Deshalb empfehle ich Eltern immer, sich bei seriösen Quellen zu informieren und nicht ausschließlich auf Foren oder soziale Medien zu verlassen.
Ein häufiger Irrtum ist die Annahme, dass dem Baby durch die Entnahme etwas „weggenommen“ wird. Tatsächlich wird ausschließlich das Blut genutzt, das nach der Geburt in der Nabelschnur und Plazenta verbleibt und sonst verworfen würde.
Außerdem höre ich oft die Sorge, dass die Menge des gewonnenen Blutes zu gering für eine spätere Anwendung sei oder dass die Stammzellen nur für das Kind selbst genutzt werden könnten. Tatsächlich können Stammzellen aus Nabelschnurblut unter bestimmten Voraussetzungen auch für Geschwister relevant sein. Die Wahrscheinlichkeit einer vollständigen Gewebeübereinstimmung liegt bei Geschwistern bei etwa 25 Prozent.
Welchen Rat geben Sie Eltern, die noch unsicher sind, ob sie Nabelschnurblut einlagern möchten?
Mein Rat ist, sich frühzeitig und umfassend zu informieren. Eltern sollten sich mit den Möglichkeiten, den Grenzen und den Kosten einer Nabelschnurblut-Einlagerung auseinandersetzen und anschließend eine Entscheidung treffen, die zu ihrer persönlichen Situation passt. Wichtig ist, sich nicht von Mythen oder Halbwissen leiten zu lassen, sondern auf wissenschaftlich fundierte Informationen und die Beratung durch Fachpersonen zu setzen.
Letzte Frage: Bald wird auch die Einlagerung von Stammzellen aus dem Plazentagewebe möglich sein. Was halten Sie als Hebamme davon?
Die Plazenta ist für viele Familien viel mehr als nur ein Organ. Sie hat das Baby während der gesamten Schwangerschaft versorgt und ist die einzigartige Verbindung zwischen Mutter und Kind. Ich erlebe immer wieder, dass Eltern sich ganz bewusst mit der Plazenta beschäftigen – sei es durch Rituale, das Pflanzen eines Baumes oder andere persönliche Formen des Abschieds. Das zeigt, welchen emotionalen Wert sie für viele hat.
Umso spannender finde ich den Gedanken, dass die Plazenta nicht nur während der Schwangerschaft eine wichtige Aufgabe erfüllt, sondern ihr Potenzial auch nach der Geburt genutzt werden kann. Wenn Eltern die Möglichkeit haben, die darin enthaltenen Stammzellen für die Gesundheitsvorsorge ihres Kindes aufzubewahren, ist das aus meiner Sicht eine sinnvolle Ergänzung. Natürlich ersetzt das keine gesunde Entwicklung oder medizinische Versorgung, aber es gibt Familien die Chance, eine Ressource zu bewahren, die sonst nach der Geburt verworfen würde.

