Das Wichtigste auf einen Blick
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- ✓ Nabelschnurblut enthält wertvolle blutbildende Stammzellen, die bereits heute in der Medizin zur Behandlung verschiedener Erkrankungen des Blut- und Immunsystems eingesetzt werden.
- ✓ Die Gewinnung erfolgt erst nach der Geburt und dem Abnabeln und ist für Mutter und Kind schmerzfrei.
- ✓ Verzögertes Abnabeln und Nabelschnurblutentnahme lassen sich grundsätzlich miteinander verbinden. Dabei gilt es, die Bedürfnisse des Neugeborenen und eine ausreichende Entnahmemenge medizinisch sinnvoll abzuwägen.
- ✓ Bei einer privaten Einlagerung bleiben die Stammzellen für das Kind bzw. gegebenenfalls die Familie verfügbar. Bei einer öffentlichen Spende besteht dagegen kein persönlicher Anspruch auf das gespendete Nabelschnurblut.
- ✓ Neben Nabelschnurblut rückt Nabelschnurgewebe zunehmend in den Fokus der Forschung. Die darin enthaltenen mesenchymalen Stammzellen werden für mögliche Anwendungen in der regenerativen Medizin untersucht.
- ✓ Werdende Eltern sollten sich frühzeitig informieren, da die Einlagerung bereits vor der Geburt organisiert werden muss und eine informierte Entscheidung Zeit braucht.
Fachlich geprüft von: Dr. rer. nat. Marion Bartel | Diplom-Biochemikerin, Vita 34
Warum es sinnvoll ist, sich schon vor der Geburt mit Nabelschnurblut zu beschäftigen
Mit der Geburt bietet sich einmalig die Möglichkeit, Stammzellen aus dem Nabelschnurblut zu gewinnen und für eine mögliche spätere medizinische Nutzung aufzubewahren. Umso wichtiger ist es, sich bereits während der Schwangerschaft über Chancen und Grenzen zu informieren.
Welche Anwendungen gibt es heute? Ist die Entnahme sicher? Und wie lässt sie sich mit verzögertem Abnabeln vereinbaren? Im Interview beantwortet Gynäkologin Dr. med. Johanna Heinrich die wichtigsten Fragen zur Nabelschnurbluteinlagerung und gibt einen Einblick in aktuelle und zukünftige medizinische Möglichkeiten.
Inhaltsverzeichnis
- Warum sollten sich werdende Eltern frühzeitig mit Nabelschnurblut beschäftigen?
- Welche Rolle spielt die gynäkologische Beratung?
- Was unterscheidet Spende und private Einlagerung?
- Für welche Erkrankungen werden Nabelschnurblutstammzellen bereits eingesetzt?
- Welche Rolle spielen Nabelschnurgewebe und aktuelle Forschung?
- Ist die Entnahme für Mutter und Kind sicher?
- Lassen sich verzögertes Abnabeln und Nabelschnurblutentnahme verbinden?
- Reicht die Menge des Nabelschnurbluts für spätere Behandlungen aus?
- Braucht das Neugeborene das Nabelschnurblut nicht selbst?
- Was ist bei der Wahl des Geburtsorts zu beachten?
- Ist die Gewinnung auch bei einem Kaiserschnitt möglich?
- Was hilft Eltern bei der Entscheidung?
- Welches Potenzial könnten Stammzellen aus Plazentagewebe haben?
Frau Dr. Heinrich, warum sollten sich werdende Eltern bereits in der Schwangerschaft mit dem Thema Nabelschnurblut beschäftigen?
Die Antwort ist so einfach wie klar: Nur dann besteht überhaupt die Möglichkeit, sich bewusst für oder gegen diese Option zu entscheiden.
Darüber hinaus benötigt Vita 34 etwas Zeit für die Organisation, damit das Set mit allen notwendigen Materialien rechtzeitig nach Hause geschickt werden kann. Viel wichtiger ist jedoch, dass sich werdende Eltern frühzeitig mit den Chancen und Grenzen einer Nabelschnurblutgewinnung auseinandersetzen können, um eine informierte Entscheidung zu treffen.
In meinen Augen ist es keine Option, eine Chance nicht zu nutzen, nur weil man nicht ausreichend informiert war.
Welche Rolle spielen Sie als Gynäkologin bei der Aufklärung über Nabelschnurblut und Stammzellen?
Tatsächlich spreche ich das Thema regelmäßig in der Schwangerschaft an. Nicht, weil ich werdenden Eltern empfehle, ihr Nabelschnurblut unbedingt einlagern zu lassen, sondern weil ich möchte, dass sie alle notwendigen Informationen erhalten, um sich bewusst dafür oder dagegen entscheiden zu können.
Leider gehört die Aufklärung über die Gewinnung von Nabelschnurblut nicht zu den verpflichtenden Inhalten der Mutterschaftsrichtlinien, so bleibt im ohnehin eng getakteten Praxisalltag dafür häufig keine Zeit. Dadurch kommt dieses wichtige Thema leider oft zu kurz.
Was ist der Unterschied zwischen einer Nabelschnurblutspende und einer privaten Einlagerung?
Eltern sollten wissen, dass sie bei einer öffentlichen Spende später keinen Anspruch mehr auf das Nabelschnurblut haben. Das ist vergleichbar mit einer Blutspende als Erwachsener – auch dort kann man das gespendete Blut später nicht wieder zurückfordern.
Das bedeutet konkret: Sollte sich im Laufe des Lebens eine Situation ergeben, in der das Kind von seinem eigenen Nabelschnurblut profitieren könnte, ist dieses nur möglich, wenn es zuvor privat eingelagert wurde.
Für welche Erkrankungen werden Stammzellen aus Nabelschnurblut heute bereits eingesetzt?
Stammzellen aus Nabelschnurblut werden heute bereits zur Behandlung von über 80 Erkrankungen eingesetzt. Hierzu gehören insbesondere Erkrankungen des Blut- und Immunsystems, beispielsweise Leukämien und Lymphome, Störungen der Blutbildung wie die aplastische Anämie oder angeborene Immundefekte.
Besonders spannend finde ich aber auch den Blick auf die aktuelle Forschung und die Frage, welche weiteren Erkrankungen künftig möglicherweise behandelt werden können.
Welche Rolle spielt die Forschung bei Stammzellen aus Nabelschnurblut und Nabelschnurgewebe?
Mittlerweile besteht nicht nur die Möglichkeit, Nabelschnurblut einzulagern, sondern auch das Gewebe der Nabelschnur.
Nabelschnurblut enthält blutbildende Stammzellen, die bereits heute zur Behandlung verschiedener Erkrankungen des Blut- und Immunsystems eingesetzt werden.
Das Nabelschnurgewebe enthält sogenannte mesenchymale Stammzellen. Diese können sich unter anderem zu Knorpel-, Knochen-, Muskel- oder Bindegewebe entwickeln. Im Rahmen der klinischen Forschung wird derzeit untersucht, ob sich diese Eigenschaften künftig beispielsweise zur Behandlung von Arthrose nutzen lassen.
Darüber hinaus wird intensiv daran geforscht, ob Stammzellen aus Nabelschnurblut und Nabelschnurgewebe zukünftig auch bei Erkrankungen wie Typ-1-Diabetes, Schlaganfällen, Herzinsuffizienz oder Endometriose eingesetzt werden könnten. Diese Anwendungen gehören derzeit noch nicht zur etablierten medizinischen Versorgung, zeigen aber das enorme Potenzial der regenerativen Medizin.
Deshalb sollten sich werdende Eltern in Ruhe überlegen, ob sie sich diese mögliche Zukunftsoption offenhalten möchten oder dieses Potenzial nach der Geburt ungenutzt lassen.
Ist die Entnahme für Mutter und Kind sicher und schmerzfrei?
Absolut. Unabhängig davon, wie die Mutter entbindet – ob vaginal oder per geplantem beziehungsweise ungeplantem Kaiserschnitt – kann grundsätzlich Nabelschnurblut und auch Nabelschnurgewebe gewonnen werden.
Nach der Geburt des Kindes erfolgt zunächst das verzögerte Abnabeln. Erst danach werden das Nabelschnurblut und gegebenenfalls das Gewebe entnommen. Zu diesem Zeitpunkt sind Mutter und Kind an diesem Vorgang nicht mehr beteiligt. Die Entnahme ist daher sowohl sicher als auch schmerzfrei.
Welche aktuellen medizinischen Empfehlungen gibt es zum Auspulsieren der Nabelschnur, und wie stehen diese im Zusammenhang mit der Nabelschnurblutentnahme?
Heute empfehlen viele Fachgesellschaften ein sofortiges Abnabeln zu vermeiden. Dadurch profitiert das Neugeborene weiterhin vom Bluttransfer aus der Plazenta. Wenn keine Nabelschnurblutgewinnung geplant ist, lässt man die Nabelschnur nicht selten auch komplett auspulsieren.
Entscheiden sich Eltern für eine Nabelschnurblutgewinnung, wird ein sinnvoller Kompromiss gewählt. In der Regel wartet man etwa ein bis zwei Minuten mit dem Abnabeln. So kann das Kind weiterhin von einem Großteil des natürlichen Bluttransfers profitieren und gleichzeitig bleibt ausreichend Nabelschnurblut für eine mögliche Einlagerung erhalten.
Immer wieder wird diskutiert, dass die Menge des gewonnenen Nabelschnurbluts später für eine Behandlung nicht ausreichen könnte. Wie ordnen Sie diese Aussage medizinisch ein?
Diese Aussage hält sich hartnäckig, da es lange eine Herausforderung war, genügend Stammzellen aus der geringen Menge an gewonnenem Nabelschnurblut zu bekommen, insbesondere wenn Erwachsene behandelt werden sollten.
Mittlerweile wurden Verfahren entwickelt, mit denen Stammzellen außerhalb des Körpers vermehrt werden können. Je nach verwendetem Verfahren lässt sich ihre Anzahl deutlich steigern, ohne dass ihre Funktion oder Qualität verloren geht. Dadurch haben sich die Einsatzmöglichkeiten erheblich erweitert.
In sozialen Medien wird häufig behauptet, dass das Neugeborene das Nabelschnurblut selbst braucht und eine Entnahme deshalb nachteilig für das Kind sei. Wie bewerten Sie diese Aussage aus medizinischer Sicht?
Diese Aussage bezieht sich häufig auf die Diskussion um das verzögerte Abnabeln. Tatsächlich profitiert ein Neugeborenes davon, wenn die Nabelschnur nicht unmittelbar nach der Geburt durchtrennt wird.
Deshalb wird bei einer Nabelschnurblutgewinnung in der Regel zunächst etwa ein bis zwei Minuten gewartet, bevor abgenabelt wird. So erhält das Kind weiterhin einen Teil des gewünschten Bluttransfers, während gleichzeitig noch genügend Nabelschnurblut für eine mögliche Einlagerung gewonnen werden kann.
Nach heutigem Kenntnisstand entsteht einem gesunden, reif geborenen Kind dadurch in der Regel kein klinisch relevanter Nachteil.
Müssen werdende Eltern bei der Wahl des Geburtsorts etwas beachten, wenn sie Nabelschnurblut einlagern möchten?
Werdende Eltern sollten sich vorab bei ihrer Wunschklinik erkundigen, ob dort eine Nabelschnurblutentnahme angeboten wird. Das Personal wird hierfür durch Vita 34 geschult, sodass eine sichere und standardisierte Entnahme gewährleistet ist.
Grundsätzlich kann ich werdende Eltern jedoch beruhigen: Die meisten Geburtskliniken besitzen die entsprechende Entnahmeerlaubnis, sind entsprechend geschult und können eine Entnahme durchführen.
Kann Nabelschnurblut sowohl bei einer natürlichen Geburt als auch bei einem Kaiserschnitt gewonnen werden?
Ja, absolut. Es spielt keine Rolle, ob ein Kind spontan, mit Saugglocke, per Zange oder durch einen Kaiserschnitt geboren wird. Selbst bei einem Notkaiserschnitt ist eine Entnahme grundsätzlich möglich, sofern in der Notsituation daran gedacht wird das Entnahmepaket mit den OP zu nehmen.
Wichtig ist: Zunächst steht immer die sichere Geburt des Kindes im Mittelpunkt. Erst nach der Geburt und nach dem Abnabeln erfolgt unabhängig davon die Gewinnung des Nabelschnurbluts.
Was raten Sie werdenden Eltern, die noch unsicher sind, ob sie Nabelschnurblut einlagern möchten?
Zunächst einmal kann ich gut verstehen, wenn Unsicherheit besteht. Häufig bedeutet das einfach, dass noch Fragen offen sind.
Mein Rat ist deshalb, sich umfassend zu informieren. Nutzen Sie Informationsangebote von Vita 34, sprechen Sie mit Ihrer Frauenärztin, Ihrem Frauenarzt oder Ihrer Hebamme und stellen Sie alle Fragen, die Ihnen wichtig sind.
Wichtig ist aus meiner Sicht, dass die Informationen möglichst ausgewogen sind und sowohl die Chancen als auch die Grenzen einer Einlagerung aufzeigen. Nur so können Eltern eine Entscheidung treffen, die sich für sie persönlich richtig anfühlt.
Letzte Frage: Künftig wird auch die Einlagerung von Stammzellen aus dem Plazentagewebe möglich sein. Welches Potenzial sehen Sie in dieser Entwicklung für die Medizin und für werdende Eltern?
Ähnlich wie in der Nabelschnur können auch aus der Plazenta mesenchymale Stammzellen gewonnen werden. Ein großer Vorteil liegt dabei in dem hohen Potenzial der mesenchymalen Stammzellen, die sehr stark immunregulatorisch wirken: Die Plazenta schützt das Ungeborene vor Abwehrreaktionen durch das mütterliche Immunsystem, so dass diese Eigenschaften besonders interessant für die Entwicklung neuer Therapien zur Immunregulation oder Verminderung von Entzündungsreaktionen sind.
Auch hier beschäftigt sich die Forschung intensiv mit möglichen Anwendungen in der regenerativen Medizin. Welche Therapien sich daraus künftig entwickeln werden, lässt sich heute noch nicht sicher vorhersagen. Das Potenzial erscheint jedoch ausgesprochen vielversprechend und könnte die Möglichkeiten der Stammzellmedizin in Zukunft noch einmal deutlich erweitern.

