Autorin: Dr. rer. nat. Marion Bartel | Diplom-Biochemikerin, Vita 34
Mit dem Durchschneiden der Nabelschnur wird das Band zwischen Mutter und Kind getrennt. Immer mehr werdende Eltern möchten damit warten, bis die Nabelschnur vollständig auspulsiert ist, gleichzeitig aber auch eine Vorsorge für ihr Baby mit Nabelschnurblut treffen und stehen damit vor einer wichtigen Frage: Möchten wir die Nabelschnur auspulsieren lassen oder Nabelschnurblut einlagern? Zwei Herzenswünsche – die sich ausschließen?
Beides sind bewusste Entscheidungen für die Gesundheit eines Kindes. Doch oft entsteht der Eindruck, dass man sich für eines von beiden entscheiden muss. Die gute Nachricht: Eine gute Versorgung des Neugeborenen Kindes nach der Geburt und die Entnahme von Nabelschnurblut sind beide möglich.
In diesem Artikel erfährst du:
- Was bedeutet „Auspulsieren der Nabelschnur”?
- Kann man trotz Auspulsieren Nabelschnurblut entnehmen?
- Die optimale Balance: Gesundheit & Vorsorge verbinden
- Wie ist es beim Nabelschnurgewebe?
- Was sollten werdende Eltern konkret beachten?
- Quellen
- Quick Facts
Was bedeutet „Auspulsieren der Nabelschnur”?
Grundsätzlich werden 3 verschiedene Methoden zum Durchtrennen der Nabelschnur nach der Geburt in Abhängigkeit vom Zeitpunkt unterschieden.
Beim vorzeitigen Abnabeln wird die Nabelschnur innerhalb von wenigen Sekunden nach der Geburt abgeklemmt und durchtrennt.
Beim verzögertem Abnabeln wartet man zwischen 60 bis 90 Sekunden, gibt dem Kind also Zeit sich an das Leben außerhalb vom Mutterleib zu adaptieren und klemmt dann ab. Medizinische Leitlinien empfehlen in der Regel das verzögerte Abnabeln innerhalb von 60-90 Sekunden nach der Geburt. So kann das Neugeborene noch mit Blut aus der Plazenta versorgt werden und bekommt noch einmal eine Extraportion Blut mit. [1]
Beim Auspulsieren wird mit dem Durchtrennen der Nabelschnur gewartet, bis sie nicht mehr pulsiert. Das kann bis zu 30 Minuten dauern. Auspulsieren kann sich positiv auf die Eisenwerte und Anpassung auswirken, es kann aber auch mit einem leicht erhöhten Risiko für eine Neugeborenengelbsucht einher gehen.
Studien zeigen, dass während der Plazentatransfusion (Geburt Kind bis Abnabelung) bis zu 60–120 ml Blut von der Plazenta zum Kind übergehen, wobei mehr als 70 % in den ersten 60-90 Sekunden auf das Kind übergehen. [2]
Wichtig:
Schon nach etwa einer Minute profitiert das Kind vom zusätzlichen Blutfluss – und gleichzeitig kann meist noch ausreichend Nabelschnurblut gewonnen werden.
Kann man trotz Auspulsieren Nabelschnurblut entnehmen?
Mit zunehmender Verzögerung der Abnabelung nach der Geburt sinkt die Menge des Nabelschnurbluts, die gewonnen werden kann. Meist problemlos ist eine Nabelschnurblutentnahme beim frühzeitigen Abnabeln möglich. Auch nach verzögertem Abnabeln kann noch Nabelschnurblut entnommen werden. ABER: Je länger gewartet wird, desto weniger Blut kann gewonnen werden!
Warum ist der Zeitpunkt so entscheidend?
Nach der Geburt ist die Funktion der Nabelschnur erschöpft. Wenn das Neugeborene beginnt selbstständig zu atmen, wird der gesamte Blutkreislauf auf Lungenatmung umgestellt, es fließt kein Blut mehr zur Plazenta und die Gefäße in der Nabelschnur kollabieren.
Das hat direkte Auswirkungen auf die Stammzellgewinnung:
- Frühes oder verzögertes Abnabeln = höhere Blutmenge für Einlagerung
- Auspulsieren = sehr geringere bis nicht mehr entnehmbares Volumen
Eine wissenschaftliche Auswertung zeigt sogar: Mit zunehmender Verzögerung sinkt die Menge des gewonnenen Nabelschnurbluts deutlich [3]
Die optimale Balance: Gesundheit & Vorsorge verbinden
Viele Expert:innen empfehlen deshalb einen Kompromiss:
Verzögertes Abnabeln (ca. 1 Minute)
- Das Baby profitiert dann von der Plazentatransfusion und
- Gleichzeitig kann meist genug Nabelschnurblut für die Entnahme gewonnen werden
Bei längerem Warten:
- Entnahme möglich, aber nicht garantiert
- Menge und Qualität können deutlich geringer sein
Und wie ist es beim Nabelschnurgewebe?
Der Zeitpunkt des Abnabelns spielt hier keine Rolle
- Nabelschnurgewebe kann unabhängig davon entnommen werden
- Auch beim Auspulsieren bleibt diese Option erhalten
Was sollten werdende Eltern konkret beachten?
✔ Sprechen Sie frühzeitig mit Ihrem Geburtsteam
- Hebamme oder Arzt einbeziehen
- Wünsche klar kommunizieren
✔ Treffen Sie eine bewusste Entscheidung
Was ist Ihnen wichtig?
- maximale Blutmenge
- oder vollständiges Auspulsieren
✔ Kompromiss bewusst wählen
Verzögertes Abnabeln (~1 Minute) ist für viele Familien der ideale Mittelweg



