Das Wichtigste auf einen Blick
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- ✓ Sehr früh geborene Kinder haben ein erhöhtes Risiko für chronische Lungenschäden wie die bronchopulmonale Dysplasie (BPD).
- ✓ Neben der Unreife der Lunge können unter anderem Sauerstoff, mechanische Beatmung und Entzündungsreaktionen zur Entstehung einer BPD beitragen.
- ✓ Mesenchymale Stammzellen aus Nabelschnurgewebe setzen verschiedene Botenstoffe und Wachstumsfaktoren frei und werden deshalb als möglicher Therapieansatz erforscht.
- ✓ Erste klinische Studien liefern insbesondere Hinweise darauf, dass die Verabreichung solcher Zellen grundsätzlich möglich und unter den untersuchten Bedingungen gut verträglich sein kann.
- ✓ Ob eine Stammzelltherapie Lungenschäden bei Frühchen tatsächlich verhindern oder langfristig verbessern kann, ist bisher jedoch nicht ausreichend belegt.
- ✓ Die internationale HULC-2-Studie soll weitere Erkenntnisse zur Sicherheit und Wirksamkeit von mesenchymalen Stromazellen aus Nabelschnurgewebe liefern.
Autor und fachliche Prüfung: Dr. Volker Henn | Biochemiker und freiberuflicher Wissenschaftsautor mit Schwerpunkt Biomedizin
Frühgeborene kommen zu einem Zeitpunkt auf die Welt, an dem wichtige Entwicklungsschritte noch nicht abgeschlossen sind. Besonders die Lunge kann bei sehr früh geborenen Kindern noch unreif sein. Benötigen die Babys nach der Geburt zusätzlichen Sauerstoff oder eine maschinelle Beatmung, kann das empfindliche Lungengewebe zusätzlich belastet werden.
Forschende untersuchen deshalb seit einigen Jahren neue Therapieansätze. Eine besondere Rolle spielen dabei mesenchymale Stamm- beziehungsweise Stromazellen (MSC). Diese kommen unter anderem im Nabelschnurgewebe vor und könnten über entzündungshemmende und regenerative Signale dazu beitragen, die Entwicklung der unreifen Lunge zu unterstützen.
Inhaltsverzeichnis
- Warum haben Frühchen ein erhöhtes Risiko für Lungenschäden?
- Wie könnten mesenchymale Stammzellen aus Nabelschnurgewebe helfen?
- Was zeigen bisherige Studien zu Stammzellen bei Frühchen?
- Große Studie untersucht Stammzellen bei Frühchen
- Wie geht die Forschung weiter?
- Quellen
- Häufige Fragen zu Lungenschäden bei Frühchen und Stammzellen
Warum haben Frühchen ein erhöhtes Risiko für Lungenschäden?
Ab der 32. Schwangerschaftswoche ist die Entwicklung der fetalen Lunge weitgehend abgeschlossen. Wird das Kind jedoch früher geboren, kann es sich häufig noch nicht selbstständig mit Sauerstoff versorgen. In den ersten Lebenstagen ist daher meist eine maschinelle Beatmung notwendig.
Für die junge, noch nicht vollständig entwickelte Lunge ist die Beatmung eine große Belastung (1):
- Das Lungengewebe ist plötzlich einer hohen Konzentration von aggressivem Sauerstoff ausgesetzt.
- Die maschinell erzwungenen Druckänderungen hinterlassen bleibende Schäden in den Geweben.
- Das Risiko von Infektionen steigt deutlich an.
All dies führt häufig dazu, dass sich eine Entzündungsreaktion in der Lunge aufbaut. Auch die weitere Entwicklung der Lunge kann darunter leiden. Die Lungenbläschen verändern sich, die Zahl der Blutgefäße nimmt ab und an einigen Stellen bildet sich Narbengewebe. Der Fachbegriff für diese bleibenden Schäden lautet bronchopulmonale Dysplasie.
Mesenchymale Stammzellen aus Nabelschnurgewebe: Wie könnten sie die Lunge unterstützen?
Zusätzlich zu diesen Schäden ist Forscher:innen noch etwas aufgefallen: In der Lunge von Frühchen finden sich weniger mesenchymale Stammzellen (MSC). Diese Art von Stammzellen ist dafür bekannt, Entzündungen wirksam zu lindern.
Unter normalen Bedingungen sind MSC fast überall im Körper zu finden. Zu ihren besonderen Eigenschaften zählt, dass sie zahlreiche Botenstoffe und Wachstumsfaktoren freisetzen. Diese Signalmoleküle können
- Entzündungsreaktionen lindern
- zur Abwehr von Erregern beitragen
- das Wachstum von Zellen fördern
Mithilfe dieser Signalmoleküle könnten MSC auch die Lungen von Frühchen vor Schäden schützen. Die Zellen müssen dafür noch nicht einmal aus dem Lungengewebe selbst stammen: Grundsätzlich eignen sich alle menschlichen MSC für diesen Zweck. Vieles deutet jedoch darauf hin, dass MSC aus sehr jungem Gewebe – wie der Nabelschnur oder der Plazenta – besonders wirksam sind.
Was zeigen bisherige Studien zu Stammzellen bei Frühchen?
Seit 2014 haben bereits fünf klinische Studien diesen neuen Behandlungsansatz getestet. Die Ergebnisse sind jedoch noch nicht eindeutig: Einige Studien erzielten vielversprechende Erfolge, bei anderen zeigte der Eingriff kaum Wirkung. Ermutigend war jedoch, dass alle Frühchen die Behandlung mit den MSC gut vertragen haben.
Diese Studien fanden im Ausland statt, doch auch in Deutschland beschäftigen sich Forscher:innen mit diesem Thema. So erforscht eine Arbeitsgruppe in Gießen die Rolle der MSC bei der Lungenentwicklung und ihren möglichen Einsatz in der Therapie (2). Eine Arbeitsgruppe in Dresden kann MSC aus der Nabelschnur gewinnen, die sich gut für die Behandlung von Menschen eignen (3). Mit diesem Wissen tragen sie auch zu einer Studie bei, die Ende letzten Jahres in Kanada angelaufen ist.
Große Studie in Kanada untersucht Stammzellen bei Frühchen
Die neue kanadische Studie (HULC-2) ist größer als alle bisherigen zusammen. Geplant ist die Teilnahme von 168 Frühchen, die vor der 28. Schwangerschaftswoche geboren wurden und eine künstliche Beatmung benötigen. Die eine Hälfte der Kinder bildet eine unbehandelte Kontrollgruppe, die andere Hälfte wird in den ersten Lebenswochen mit MSC behandelt (4).
Um die Wirkung der Therapie zu verstärken, werden die Frühchen mehrfach mit MSC behandelt. Im Abstand von jeweils einer Woche erhalten sie drei Infusionen, die direkt in das Blut verabreicht werden. Dabei kommen MSC zum Einsatz, die aus dem Nabelschnurgewebe fremder Spender gewonnen werden.
Das Ziel der Therapie ist es, die natürliche Entwicklung der Lunge zu unterstützen. Im besten Fall könnten die Kinder dann früher selbstständig atmen: Die Belastung durch die maschinelle Beatmung wäre dann deutlich geringer. Daher untersuchen die kanadischen Forscher:innen auch, ob die Stammzelltherapie die Spätfolgen von Lungenschäden lindern kann.
Wie geht die Forschung zu Stammzellen und Lungenschäden bei Frühchen weiter?
Die ersten Ergebnisse dieser Studie werden für das Jahr 2027 erwartet. Die Nachbeobachtung der Spätfolgen wird sogar erst 2038 abgeschlossen sein. Es wird also noch lange dauern, bis die kanadische Studie endgültig ausgewertet ist.
Der Einsatz von MSC bei Frühchen steht damit immer noch am Anfang, obwohl die Forschung schon vor langer Zeit begonnen hat. Das wahre Potenzial der Stammzellen aus dem Nabelschnurgewebe wird sich daher erst in einigen Jahren zeigen.
Bildhinweis: KI-generierte Illustration zur Veranschaulichung.
Quellen:
(1) Goetz et al. (2021). MSC Based Therapies to Prevent or Treat BPD—A Narrative Review on Advances and Ongoing Challenges. International Journal of Molecular Sciences, 22(3), 1138. https://doi.org/10.3390/ijms22031138
(2) Universitätsklinikum Gießen, Webseite der Abteilung Pädiatrie und Neonatologie, abgerufen Juli 2026. https://www.ukgm.de/ugm_2/deu/ugi_kia/49315.html
(3) Medizinische Fakultät Carl Gustav Carus, Stammzell-Medikamente aus Nabelschnurgewebe, Pressemitteilung vom 30.07.2019. https://tu-dresden.de/med/mf/die-fakultaet/newsuebersicht/stammzell-medikamente-aus-nabelschnurgewebe
(4) Renesme et al. Helping Underdeveloped Lungs with Cells (HULC)-2 Mesenchymal Stromal Cells in extreme preterm infants at risk of developing Bronchopulmonary Dysplasia – A Phase 2 Multi-Centre Double Blind Randomized Controlled Trial Study Protocol. medRxiv, Version vom 15.12.2025. https://doi.org/10.64898/2025.12.11.25337743

