Das Wichtigste auf einen Blick
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- ✓ Mesenchymale Stammzellen (MSC) aus Nabelschnurgewebe werden als mögliche Therapie für Augenerkrankungen erforscht.
- ✓ MSC können Entzündungen reduzieren und geschädigte Gewebe unterstützen.
- ✓ Studien zeigen Hinweise auf positive Effekte bei Retinitis pigmentosa.
- ✓ MSC-Augentropfen könnten Symptome des trockenen Auges (Sicca-Syndrom) lindern.
- ✓ Weitere Studien untersuchen den Einsatz von MSC bei verschiedenen Augenleiden.
- ✓ Trotz vielversprechender Ergebnisse sind noch wichtige Fragen offen.
Autor und fachliche Prüfung: Dr. Volker Henn | Biochemiker und freiberuflicher Wissenschaftsautor mit Schwerpunkt Biomedizin
Das Auge enthält empfindliche Gewebe, die sich nach Schäden oft nur eingeschränkt erneuern können. Deshalb suchen Forschende nach neuen Ansätzen, um den Verlust von Sehzellen zu verlangsamen und die Funktion des Auges zu erhalten. Im Fokus stehen dabei mesenchymale Stammzellen (MSC) aus Nabelschnurgewebe.
Erste Studien deuten darauf hin, dass MSC bei bestimmten Augenerkrankungen positive Effekte haben könnten. So zeigte eine Studie mit mehr als 400 Teilnehmer Hinweise darauf, dass MSC den Verlauf der erblichen Netzhauterkrankung Retinitis pigmentosa verlangsamen könnten. Eine weitere Studie berichtete, dass MSC-Augentropfen bei Menschen mit Sicca-Syndrom die Tränenproduktion verbesserten und Entzündungszeichen reduzierten.
Ob sich diese Ansätze langfristig bewähren, müssen weitere Studien zeigen. Der folgende Artikel erklärt, wie MSC wirken könnten und welche Ergebnisse die Forschung bei verschiedenen Augenerkrankungen bislang erzielt hat.
Inhaltsverzeichnis
- Warum können sich Schäden im Auge nur schwer regenerieren?
- Wie wirken mesenchymale Stammzellen (MSC)?
- Können MSC den Verlauf von Retinitis pigmentosa beeinflussen?
- Können Stammzellen bei trockenen Augen helfen?
- Welche weiteren Augenerkrankungen werden untersucht?
- Quellen
- FAQ: Häufige Fragen
Warum können sich Schäden im Auge nur schwer regenerieren?
Das Auge besteht aus vielen unterschiedlichen Zellarten: Jede einzelne trägt dazu bei, dass wir klar und deutlich sehen können. Wird das Auge jedoch geschädigt, können sich viele dieser Zellen nur schwer erneuern. Bei Augenerkrankungen ist es daher wichtig, die Funktion und das Überleben der Zellen rechtzeitig zu sichern.
Der menschliche Körper enthält eine besondere Art von Stammzellen, die viele Organe erneuern und vor Schäden schützen kann. Diese mesenchymalen Stammzellen (MSC) finden sich in fast jedem Gewebe des Körpers. Auch im Nabelschnurgewebe und der Plazenta: Dort sind die Zellen gut zu erreichen, noch sehr jung und in der Regel sehr aktiv.
Forscher:innen testen intensiv, ob MSC auch bei Augenerkrankungen helfen können (1). Die Studien untersuchen verschiedene Erkrankungen und unterschiedliche Möglichkeiten, die Zellen zu verabreichen. Zwei Ergebnisse aus dem letzten Jahr zeigen, dass die Forschung auf einem guten Weg ist.
Wie wirken mesenchymale Stammzellen (MSC)?
Die Studien setzen dabei auf die besonderen Eigenschaften der MSC. Sie können unterschiedliche Zellarten hervorbringen und so viele Gewebe erneuern. Ihre medizinische Wirkung entfalten sie jedoch vermutlich auf einem anderen Weg: MSC setzen Botenstoffe frei, die die Funktion und das Überleben vieler Zellen beeinflussen.
Die verschiedenen Botenstoffe haben viele positive Eigenschaften:
- Sie lindern Entzündungen.
- Sie beruhigen das Immunsystem und stoppen überschießende Abwehrreaktionen.
- Sie fördern das Überleben von Zellen.
- Sie verhindern, dass sich Blutgefäße an unpassenden Stellen bilden.
Können MSC den Verlauf von Retinitis pigmentosa beeinflussen?
Einige dieser Botenstoffe könnten auch bei Retinitis pigmentosa helfen. Bei dieser Augenerkrankung führt ein Fehler im Erbgut dazu, dass die Sinneszellen in der Netzhaut allmählich absterben. Die Sehfähigkeit verschlechtert sich dabei meist bereits im Jugendalter merklich und nimmt im Verlauf vieler Jahre weiter ab. Vielen Betroffenen droht die vollständige Erblindung.
In Deutschland sind etwa 30.000 Menschen von Retinitis pigmentosa betroffen. Für diese Erkrankung gibt es kaum eine wirksame Behandlung.
Im September 2025 erschien eine Studie mit über 400 Teilnehmern, die den Einfluss von MSC auf den Verlauf der Retinitis pigmentosaRP untersuchte (2). Die türkischen Forscher:innen verwendeten dabei Stammzellen aus Nabelschnurgewebe, die sie direkt in eine Zellschicht unterhalb der Netzhaut injizierten.
Die Ergebnisse deuteten an, dass die Erkrankung im Durchschnitt langsamer voranschreitet. Insbesondere bei der Sehschärfe und dem Gesichtsfeld zeigte sich ein statistisch signifikanter Einfluss. Bei 27 Teilnehmer:innen verbesserte sich zudem das Dämmerungssehen. In einigen Fällen hielt die Wirkung bis zu vier Jahre lang an. Ernste Nebenwirkungen traten nicht auf.
Können Stammzellen bei trockenen Augen helfen?
Chinesische Forscher:innen veröffentlichten im April 2025 eine Studie, die sich mit einer ganz anderen Augenerkrankung beschäftigte (3). Beim Sicca-Syndrom kommt es zu Entzündungen in den Tränendrüsen, die daraufhin zu wenig Flüssigkeit produzieren. Die Folgen sind äußerst unangenehm: sehr trockene Augen, ein ständiges Fremdkörpergefühl und ein stark erhöhtes Risiko für ernste Hornhaut-Schädigungen.
Es war schon vorher bekannt, dass MSC aus dem Nabelschnurgewebe Entzündungen wirksam lindern können. Um die Wirkung beim Sicca-Syndrom zu testen, wählten die Forscher:innen eine ungewöhnliche Darreichungsform: Sie nahmen die lebenden Zellen in Augentropfen auf. Die 16 Teilnehmer:innen der kleinen Studie erhielten die Augentropfen über einen Zeitraum von zwei Wochen, einmal morgens und einmal abends.
In den meisten Fällen verbesserte sich der Zustand der Augen spürbar: Die Tränendrüsen zeigten weniger Anzeichen einer Entzündung und produzierten wieder mehr Flüssigkeit. Die Wirkung hielt mindestens vier Wochen an, war aber nach spätestens einem Jahr wieder verflogen. Ernste Nebenwirkungen hatte die Behandlung jedoch nicht.
Welche weiteren Augenerkrankungen werden untersucht?
Viele weitere Studien beschäftigen sich mit diesem Thema. Forscher:innen testen MSC auch bei anderen Augenerkrankungen wie dem Grünen Star, Netzhautschäden infolge von Diabetes sowie der altersbedingten Makuladegeneration.
Allerdings bleiben noch wichtige Fragen offen: Können die MSC ihre Wirksamkeit auch in größeren Studien unter Beweis stellen? Wie wirksam sind die Stammzellen im direkten Vergleich zu anderen Therapien? Und drohen vielleicht Nebenwirkungen, die erst nach längerer Zeit auftreten?
Zwar kann derzeit noch niemand sagen, ob sich die Stammzellen in Zukunft bei der Behandlung von Augenerkrankungen durchsetzen werden. Doch zumindest deuten die Ergebnisse der ersten Studien auf das große Potenzial der MSC hin.
Quellen:
(1) Xiang et al. (2026). Therapeutic potential of mesenchymal stem cells in ocular degenerative disorders. Journal of Translational Medicine, 24(1), 448. https://doi.org/10.1186/s12967-026-07878-9
(2) Oner et al. (2025). Evaluating the long-term efficacy of umbilical cord-derived mesenchymal stem cell therapy in retinitis pigmentosa: Findings from a 1-to-4-year follow-up. Stem Cells Translational Medicine, 14(8), szaf034. https://doi.org/10.1093/stcltm/szaf034
(3) Zhang et al. (2025). A first-in-human, prospective pilot trial of umbilical cord-derived mesenchymal stem cell eye drops therapy for patients with refractory non-Sjögren’s and Sjögren’s syndrome dry eye disease. Stem Cell Research & Therapy, 16(1), 202. https://doi.org/10.1186/s13287-025-04292-8



