Literaturservice Mai 2016

Medizinisch-wissenschaftlicher Literaturservice, Ausgabe Mai 2016

Inhaltsverzeichnis

  1. Editorial: Multiple Sklerose
  2. Fachartikel: Transplantation hämatopoetischer Stammzellen zur Behandlung der MS
  3. Fachartikel: Signifikante Reparaturmechanismen im ZNS durch die Transplantation von adulten neuralen Stammzellen
  4. Fachartikel: Allogene mesenchymale Stammzellen aus Nabelschnur stabilisieren MS
  5. Fachartikel: Top Erkenntnisse zum Thema Stammzelleneinsatz bei Multipler Sklerose
  6. Aktuelle Studien: Ergebnisse Klinischer Studien werden in naher Zukunft erwartet
  7. Weitere Quellen: Interessante Informationen

 

Den Literaturservice 05/2016 können Sie auch als PDF-Datei zum Ausdrucken und Offline-Lesen hier herunterladen: Literaturservice Mai 2016.

 


 

Editorial: Multiple Sklerose

Sehr geehrte Damen und Herren,

seit 2009 wird jeweils am letzten Mittwoch des Monats Mai der Welt-Multiple-Sklerose-Tag (World MS Day) begangen. Besonders die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft e.V. (DMSG) aber auch Selbsthilfegruppen und Vereine planen wieder zahlreiche Veranstaltungen. Diesen Anlass und aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse zu neuen Behandlungsmethoden nutze ich, um Sie heute über die Multiple Sklerose (MS) zu informieren. Laut DMSG sind in der EU etwa 400.000 Menschen an MS erkrankt. Die betroffenen Personen leiden unter starken Erschöpfungszuständen, Taubheit und Schmerzen der Gliedmaßen und können im Krankheitsverlauf die Fähigkeit sich eigenständig zu bewegen und zu sprechen verlieren.

MS gehört zu den häufigsten Erkrankungen im jungen Erwachsenenalter. Derzeit steht für diese chronisch entzündliche Krankheit mit multifaktoriellen Ursachen keine kausale Therapie zur Verfügung. Herdförmige entzündlich-demyelinisierende Läsionen und der Verlust von Nervenfasern im Zentralen Nervensystem (ZNS) gehören zu den Kennzeichen der MS.

Die erste MRT gestützte Krankheitsbestimmung der Multiplen Sklerose gelang 1981 und revolutionierte die Diagnosefindung. Auch heute gehört das MRT zu den wichtigsten Untersuchungsmethoden, da seit 1988 bekannt ist, dass auch bei gleichbleibenden Krankheitssymptomen die Läsionen im Gehirn aktiv sind. In den vergangenen Jahren hat sich gezeigt, dass Übungen und Rehabilitationsmaßnahmen maßgeblich dazu beitragen können, den Krankheitsverlauf abzumildern. Dennoch könnten Zellersatz und Geweberegeneration vielversprechende Methoden zur kausalen Behandlung der MS sein. Für derartige Zellersatztherapien stellen auch Nabelschnurblut und -gewebe potente Ausgangsmaterialien dar.

Mit den ausgewählten Literaturstellen, welche die ersten Ansätze einer Gewebeersatztherapie beleuchten und überdies Stammzellen aus der Nabelschnur in den Fokus stellen, informiere ich Sie umfassend zum heutigen Stand von Medizin und Wissenschaft zur Behandlung der Multiplen Sklerose.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Susan Hetz

Teamleiterin Kundenservice

 


 

Transplantation hämatopoetischer Stammzellen zur Behandlung der MS

Der Einsatz von Stammzellen wird seit einigen Jahren als Behandlungsoption geprüft. Bereits 1995 wurde eine Studie initiiert, in der adulte hämatopoetische Stammzellen bei therapieresistenter Multipler Sklerose transplantiert werden sollten, um den Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen. Bis heute wurden über 600 Berichte zur Transplantation hämatopoetischer Stammzellen bei MS veröffentlicht. Auch die Kollegen Fassas und Kimiskidis berichteten 2004 über 200 erfolgte Transplantationen in den USA und Europa und vielversprechende Ergebnisse zur Remission der MS und sogar über Verbesserungen des Gesundheitszustandes der Patienten. Dennoch berichten die Autoren des Reviews ebenso über Studien, welche aufzeigen, dass hämatopoetische Stammzellen keinen Einfluss auf die Erkrankung MS haben.

 

Quelle:

Stem Cell Therapy ‒ Approach for Multiple Sclerosis Treatment. Soleimani M. et al., 2016

Zum Abstract

 


 

Signifikante Reparaturmechanismen im ZNS durch die Transplantation von adulten neuralen Stammzellen

Italienische Wissenschaftler transplantierten 2003 syngen adulte neurale Stammzellen in ein Tiermodell der chronischen Multiplen Sklerose bei Mäusen. Das Tiermodell und die Erkrankung werden als Experimentelle autoimmune Enzephalomyelitis (EAE) bezeichnet. Beide Injektionsmethoden, intravenös und intrazerebral, wurden evaluiert und führten sowohl zu einer signifikanten Anreicherung der Spenderzellen in demyelinisierten Bereichen des Zentralen Nervensystems als auch zur Differenzierung in reife Zellen. Unter anderem fanden sich Oligodendrozytenvorläufer, welche aktiv Axone remyelinisierten und auch die Astrogliose konnte signifikant verringert werden. Die Wissenschaftler stellten insgesamt eine deutliche Verringerung des Fortschreitens der Demyelinisierung und des Verlustes von Nervenfasern fest und befürworteten die Stammzelltherapie als Option zur Behandlung der chronischen Multiplen Sklerose.

 

Quelle:

Injection of adult neurospheres induces recovery in a chronic model of multiple sclerosis. Pluchino S et al., 2003

Zum Abstract

 


 

Allogene mesenchymale Stammzellen aus Nabelschnur stabilisieren MS

Die bindegewebige Schicht der Nabelschnur stellt eine vielversprechende Quelle zur Isolation einer hohen Anzahl an MSCs dar. Somit rückt das Gewebe der Nabelschnur in den Fokus zur Zelltherapie bei MS. Mesenchymale Stammzellen wandern aktiv in geschädigte Gewebe ein und differenzieren in Zellen, welche neurale und gliale Marker exprimieren. Dem chinesischen Wissenschaftler Liang und seinen Kollegen gelang bereits 2009 im Rahmen eines Heilversuchs die erfolgreiche Stabilisierung einer refraktär progressiven MS eines Patienten durch die Transplantation mit allogenen Mesenchymalen Stammzellen (MSCs) aus der Nabelschnur. Die Wissenschaftler schrieben diesen Erfolg den immunmodulierenden Eigenschaften der Zellen zu.

 

Quelle

Allogeneic mesenchymal stem cells transplantation in treatment of multiple sclerosis Liang J. et al., 2009

Zum Abstract

 


 

Top Erkenntnisse zum Thema Stammzelleneinsatz bei Multipler Sklerose

Die beiden weltweit anerkannten Experten Prof. Harold L. Atkins, Krebstherapeut und medizinischer Leiter des Forschungsinstituts für Regenerative Medizin am Krankenhaus Ottawa, sowie Neurologe und Multiple Sklerose-Experte Mark S. Freedman haben in einem Artikel einige Haupterkenntnisse zusammen getragen. Sie berichten über eine verminderte Morbidität und Mortalität durch die ständig voranschreitende medizinische Forschung und die damit verbundenen Erkenntnisse. Weiterhin stellen Sie die Transplantation von Stammzellen als effektive Therapie zur Eindämmung der entzündlichen Prozesse einer MS dar. Dieser Effekt kann durch eine vorhergehende Hochdosis-Chemotherapie noch verstärkt werden. Abschließend beschreiben die Kollegen, dass eine Transplantation mit Stammzellen geeignet ist, den Krankheitsverlauf über einen langen Zeitraum zu stoppen und sogar dazu führen kann, dass Patienten Ihre funktionalen Fähigkeiten teilweise wiedererlangen.

 

Quelle:

Hematopoietic stem cell therapy for multiple sclerosis: top 10 lessons learned. Atkins HL, Freedman MS.,2013

 


 

Ergebnisse Klinischer Studien werden in naher Zukunft erwartet.

Derzeit stehen die Mesenchymalen Stammzellen aus der bindegewebigen Schicht der Nabelschnur zur Behandlung von MS bei mindestens drei klinischen Studien im Fokus. Die Studien dienen in erster Linie der Bestätigung der Sicherheit der Transplantation der Stammzellen und ermöglichen darüber hinaus die Untersuchung der Effektivität zur Behandlung der MS in verschiedenen Ausprägungen. Die Patienten werden zumeist vor und nach der Behandlung gemäß des bekannten Klassifizierungssystems dem Expanded Disability Status Scale (EDSS) kategorisiert und eingestuft.

Eine große Studie zur Transplantation Mesenchymaler Stammzellen aus der Nabelschnur bei MS initiiert durch das Novo Cellular Medicine Institute in Trinidad & Tobago startete im Februar 2015 und soll bis Februar 2017 abgeschlossen werden. Einbezogen werden Patienten zwischen 18 und 60 Jahren, welche an schubförmiger MS mit einem EDSS-Wert zwischen 3,5 und 6 leiden. Dieser Wert wird 1, 3, 6 und 12 Monate nach der Behandlung mit 50 Mio. inravenös applizierten und 100 Mio. intrathekal verabreichten allogenen MSCs bestimmt und ausgewertet.

Zur Studie-Seite bei clinicaltrials.gov: NCT02587715

 

Eine weitere Studie zur Behandlung der schubförmigen MS durch allogene Transplantation von MSCs aus der Nabelschnur wird derzeit durch die Firma Translational Biosciences einer Tochtergesllschaft der Medistem Panama Inc. in Panama durchgeführt. Für diese Studie sind die 18- bis 55-Jahre alten Patienten bereits vollständig rekrutiert und gemäß dem bekannten EDSS-Wert kategorisiert worden, welcher zwischen 2,0 und 5,5 liegt. Den 20 Patienten werden einmal pro Tag intravenös über eine Dauer von 7 Tagen Stammzellen verabreicht. Das primäre Ziel der Studie ist, mit der Therapie in Zusammenhang stehende Nebenwirkungen 4, 12 und 52 Wochen nach der Stammzell-Gabe zu bestimmen. Sekundäre Endpunkte zur Beurteilung der Wirksamkeit beinhalten zahlreiche standardisierte neurologische Tests, bildgebende Verfahren (Magnetresonanztomographie) von Gehirn und/oder Rückenmark sowie Befragungen zur Lebensqualität. Die Ergebnisse der Studie werden voraussichtlich im August 2017 erwartet.

Zur Studie-Seite bei clinicaltrials.gov: NCT02034188

 


 

Weitere interessante Informationen

Unter den nachfolgend genannten Quellen finden Sie weitere interessante Informationen: