Literaturservice Juni 2013

Medizinisch-wissenschaftlicher Literaturservice, Ausgabe Juni 2013

Inhaltsverzeichnis

  1. Fachartikel: Fallbericht: Autologe Nabelschnurblut-Therapie bei zerebraler Lähmung verursacht durch eine hypoxisch-ischämische Hirnschädigung nach Herzstillstand
  2. Fachartikel: Transplantation humaner Nabelschnurblut-Stammzellen zur Behandlung chronischer Verletzungen des Rückenmarks
  3. Fachartikel: Vergleich der Transplantation von Nabelschnurblut und Knochenmark von HLA-identen Geschwistern bei Patienten mit Hämoglobinopathien

 

 


 

Fallbericht: Autologe Nabelschnurblut-Therapie bei zerebraler Lähmung verursacht durch eine hypoxisch-ischämische Hirnschädigung nach Herzstillstand

Bochumer Ärzte berichten über eine bemerkenswerte neurologische Regeneration nach autologer Transplantation eines bei Vita 34 kryokonservierten Nabelschnurblutes (NSB) bei einem 2,5 Jahre alten Jungen mit globaler zerebraler Ischämie.

Ein 2,5 Jahre altes Kind erlitt in der Klinik, in die er aufgrund anhaltenden Erbrechens eingeliefert wurde, einen Herzstillstand mit anschließender 25-minütiger Reanimation. Die darauf folgende Operation ergab einen Darmverschluss, so dass eine Dünndarmresektion erforderlich war. Die neurologische Untersuchung des Kindes 5 Tage nach dem Herzstillstand ergab keine motorische Aktivität und nur minimale Reaktionen auf Reize. Die geweiteten Pupillen reagierten kaum auf Lichtreize. Der Patient zeigte Unruhe, Schmatzen, ein kontinuierliches Wimmern und eine abnorme Körperhaltung sowie Spastiken in Beinen und Armen. Die neuropädiatrische Untersuchung ergab einen globalen Hirnschaden, der durch bildgebende Verfahren bestätigt wurde.

In dieser hoffnungslosen Situation verabreichten die Ärzte 9 Wochen nach Hirnschädigung iv die körpereigenen NSB-Zellen über eine Dauer von 40 min. Über moderate Nebenwirkungen wie transiente Hämoglobinurie, Übelkeit und Bluthochdruck wurde berichtet. Nach der NSB-Behandlung gab es bemerkenswerte Änderungen in der psychomotorischen Entwicklung des Kindes. Innerhalb von 2 Monaten reduzierte sich die spastische Parese, die motorische Kontrolle über die Kopfhaltung verbesserte sich. Der Patient konnte z.B. eigenständig einen Keks zum Mund führen, diesen kauen und schlucken, einfache Wörter sprechen und zeigte auch wieder soziale Interaktionen. Vierzig Monate nach NSB-Therapie konnte eine starke Verbesserung der rezeptiven und expressiven Sprachkompetenz des Kindes nachgewiesen werden, die über dem Niveau vor Hirnschädigung lag. Der Junge war in der Lage, mit Hilfsmittel (Crocodile Retrowalker) zu laufen und eigenständig zu essen. Diese bemerkenswerte funktionelle Neuroregeneration ist durch aktive Rehabilitation allein nur schwer zu erklären und lässt vermuten, dass die autologe NSB-Transplantation eine zusätzliche und causative Therapie der infantilen Zerebralparese nach Hirnschädigung sein kann.

 

Quelle:

First autologous cell therapy of cerebral palsy caused by hypoxic-ischemic brain damage in a child after cardiac arrest – individual treatment with cord blood.
Case Reports in Transplantation 2013, DOI: 10.1155/2013/951827)

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Transplantation humaner Nabelschnurblut-Stammzellen zur Behandlung chronischer Verletzungen des Rückenmarks

Patienten (25) mit traumatischen Rückenmarksverletzungen wurden 6 Monate oder länger nach Rückenmarksschädigung mit humanen Nabelschnurblut (NSB)-Stammzellen behandelt. In der 12-monatigen Nachbeobachtungsphase konnten Verbesserungen des neurologischen Status nachgewiesen werden.
In die klinische Studie wurden 25 Patienten mit kompletten oder inkompletten spinalen Läsionen im Hals-, Brust- und Lendenbereich aufgenommen. Das durchschnittliche Alter der Patienten betrug 36,7 Jahre und die durchschnittliche Dauer nach der Verletzung bis zur NSB-Gabe betrug 11,4 Monate.

Die Patienten erhielten die NSB-Stammzellen zunächst als iv-Infusion gefolgt von 3 bis 4 intrathekalen Gaben in jeweils wöchentlichen Abständen.
In der 12-monatigen Nachbeobachtungszeit konnten bei 44 % (11) der mit NSB-behandelten Patienten Verbesserungen der neurologischen Funktionen nachgewiesen werden. Bei 40 % der Patienten verbesserten sich die Funktionen des autonomen Nervensystems. Beurteilt wurden die Blasenfunktion und die Produktion von Schweiß zur Regulation der Körpertemperatur. Elektrophysiologische Tests, die objektive Daten zur Geschwindigkeit und Stärke von neuronalen Signalen liefern, wodurch eine Bewertung erhaltener oder sich regenerierender Verbindungen im Rückenmark möglich ist, zeigten Verbesserungen in 36 % der NSB-behandelten Patienten.

In 16 % der Fälle konnten die vor der NSB-Gabe erfolgten Einstufungen nach der American Spinal Cord Injury Association (ASIA)- Skala, die ein Klassifizierungssystems für das neurologische Niveau darstellt, angehoben werden. Eine mögliche Erklärung für die verbesserten neurologischen Funktionen könnte die Bildung neuer Synapsen zwischen noch vorhandenen neuronalen Zellen oder auch neugebildeten neuronalen Zellen aus den transplantierten Stammzellen sein.

 

Quelle:

Human umbilical cord blood stem cell transplantation for the treatment of chronic spinal cord injury: electrophysiological changes and long-term efficacy
Neural Regen Res 2013, 8: 397-403)

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Vergleich der Transplantation von Nabelschnurblut und Knochenmark von HLA-identen Geschwistern bei Patienten mit Hämoglobinopathien

Das Ergebnis der Multizenter-Studie, in der Patienten mit Thalassämie major (TM) oder Sichelzellenanämie (SZA) mit Nabelschnurblut (NSB) oder Knochenmark (KM) von ihrem HLA-identen Geschwister transplantiert wurden, ist: Sowohl NSB als auch KM sind hervorragend für die Transplantation von Patienten mit Hämoglobinopathien geeignet, wenn die Stammzellen von einem HLA-identen Geschwister stammen.Die Transplantationsergebnisse von 485 Patienten mit TM und SZA, die NSB (n=96) oder KM (n=389) von ihrem HLA-identen Geschwister erhalten hatten, wurden analysiert. Die Patienten, die mit NSB (n = 66, TM, n = 30, SZA) transplantiert wurden, zeigten im Vergleich zu Patienten, die KM (n = 259, TM, n = 130, SZA) erhielten, eine langsamere neutrophile Rekonstitution. Das Auftreten einer akuten immunologischen Abwehrreaktion des Transplantates gegen den Empfänger – eine sog. Graft-versus-Host-Erkrankung (GvHD) – fiel bei den NSB-transplantierten Patienten im Vergleich zu den KM-Empfängern geringer aus. Keiner der NSB-Empfänger wies eine umfangreiche chronischen GvHD auf. Die 6-Jahres-Überlebensrate betrug nach KM-Transplantation 95 % und nach NSB-Transplantation 97 %. Das 6-Jahre-krankheitsfreie Überleben lag bei TM-Patienten nach KM- Transplantation bei 86 % und nach NSB-Gabe bei 80 % während das 6-Jahre-krankheitsfreie Überleben bei SZA-Patienten nach KM-Gabe 92 % und nach NSB-Transplantation 90 % betrug. Das Transplantationsergebnis der Patienten, die NSB erhielten, war unabhängig von der infundierten Zelldosis. Diese Ergebnisse sprechen für eine Förderung der Asservierung von NSB im Rahmen des Family-Bankings.

 

Quelle:

Outcome of patients with hemoglobinopathies given either cord blood or bone marrow transplantation from an HLA-identical sibling
Blood 2013, May 21; doi:10.1182/blood-2013-03-489112)

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