Literaturservice August 2012

Medizinisch-wissenschaftlicher Literaturservice, Ausgabe August 2012

Inhaltsverzeichnis:

  1. Fachartikel: Autologe Nabelschnurblut-Transplantation bei einem Kind mit metastasiertem Neuroblastom (Stadium 4)
  2. Fachartikel: Luftröhren-Ersatz bei einem Kind mit Hilfe eigener Stammzellen – Fallbericht über einen Zeitraum von 2 Jahren
  3. Fachartikel: Langfristige lympho-hämatopoetische Rekonstitution mit autologem Rescue-Transplantat nach primärem Transplantatversagen mit allogenem Nabelschnurblut

 


 

Autologe Nabelschnurblut-Transplantation bei einem Kind mit metastasiertem Neuroblastom (Stadium 4)

Einem 2½ – jährigen Mädchen mit fortgeschrittenem Neuroblastom im Stadium 4 wurde nach Hochdosis-Chemotherapie das eigene in einer privaten Nabelschnurblut (NSB)- Bank kryokonservierte NSB transplantiert. Das Mädchen zeigt 24 Monate nach Transplantation keine Anzeichen einer Rezidivbildung.

Ein Neuroblastom ausgehend vom Nebennierenmark wies bei einem 2½ – jährigen Mädchen einen Durchmesser von 12 cm auf. Metastasen konnten im Knochenmark und in den Knochen nachgewiesen werden. Tumormarker wie Laktat-Dehydrogenase und Vanillinmandelsäure waren erhöht. Um Operabilität des Tumors zu erreichen, wurde eine Chemotherapie vorgeschaltet. Anschließend erfolgte eine Hochdosis-Chemotherapie mit nachfolgender Transplantation der eigenen NSB-Stammzellen. Die adjuvante Therapie nach der Transplantation bestand aus Bestrahlung der ehemaligen Tumorregion und der Gabe von Retinolsäure für 6 Monate. Die Patientin wies 24 Monate nach Transplantation unauffällige Computertomografie-Scans und 123J- Metajodbenzylguanidin-Szintigrafien auf. Auch die Werte der Tumormarker normalisierten sich.

Bei Kindern mit metastasiertem Neuroblastom (Stadium 4) älter als 1 Jahr sind die Heilungsaussichten trotz intensiver Therapie noch immer ungünstig. Zwar konnte ein verbessertes Outcome nach Hochdosis-Chemotherapie und anschließender Transplantation autologer peripherer Blut-Stammzellen nachgewiesen werden, da aber die peripheren Blut-Stammzellen erst bei Ausbruch der Erkrankung gewonnen werden, ist die Gefahr der Rücktransplantation von Neuroblastomzellen – trotz Aufreinigung des Stammzellpräparates – sehr groß. Die Kontaminationsgefahr ist wesentlich geringer, wenn das eigene kryokonservierte NSB als hämatopoetische Stammzellquelle genutzt wird.

 

Quelle:

Autologous cord blood transplantation in a child with stage 4 neuroblastoma
Bone Marrow Transplant 2012, Jul 30. DOI: 10.1038/bmt.2012.146. (Epub ahead of print)

 


 

Luftröhren-Ersatz bei einem Kind mit Hilfe eigener Stammzellen – Fallbericht über einen Zeitraum von 2 Jahren

In der Zeitschrift „The Lancet“ berichten britische und deutsche Mediziner über die erfolgreiche Transplantation einer mit eigenen Stammzellen besiedelten Luftröhre bei einem 10-jährigen Jungen mit kongenitaler Trachealstenose.

Der Junge wurde mit einer langstreckigen Trachealstenose sowie einer Pulmonalisschlinge geboren, so dass er bereits im Alter von 6 Tagen eine autologe Patch Erweiterungsplastik der Engstelle sowie einen Metall-Stent erhielt. Im Alter von 3 Jahren kam es durch das Verrutschen des Stents zu einer Verletzung der Aorta, so dass notfallmäßig mit Hilfe eines Rinderperikard-Patches die Aorta repariert wurde. Das betroffene Tracheasegment mit der ehemaligen Stentregion wurde herausgeschnitten und durch einen trachealen Homograft (chemisch konservierte menschliche Spender-Luftröhre) mit Stent ersetzt. Aufgrund einer entstehenden Mediastinitis erfolgte ein erneuter Austausch des beschädigten Abschnittes der Luftröhre des Jungen mit einem Luftröhren-Segment eines Spenders.

Es folgten zahlreiche medizinische Interventionen und Stent-Platzierungen bis zum Alter von 10 Jahren. Wegen der Länge der Läsion und der Voroperationen entschied man sich, eine gespendete dezellularisierte Luftröhre mit verschiedenen Wachstumsfaktoren zu sättigen und die zuvor entnommenen Knochenmarkzellen sowie epitheliales Gewebe von der eigenen entfernten Luftröhre des Jungen auf das Luftröhrengerüst des Spenders aufzubringen. Um mechanische Stabilität zu gewährleisten, wurde zusätzlich ein absorbierbarer Stent eingesetzt.

Die Untersuchung nach 2 Jahren zeigt, dass das Transplantat – da es die eigenen Zellen sind – nicht abgestoßen wurde. Weiterhin ist es gut revaskularisiert und epithelialisiert, ihm fehlt zwar noch eine ausreichende biomechanische Stabilität, doch der Patient hat bisher keine weiteren chirurgischen Interventionen benötigt und entwickelt sich altersgerecht. Dies ist der erste Versuch, die Stammzellen im Körper eines Menschen wachsen zu lassen und nicht wie bisher außerhalb des Körpers im Labor.

 

Quelle:

Stem-cell-based, tissue engineered tracheal replacement in a child: a 2-year follow-up study
Lancet 2012, Jul 26, DOI: 10.1016/S0140-6736(12)60737-5 (Epub ahead of print)

 


 

Langfristige lympho-hämatopoetische Rekonstitution mit autologem Rescue-Transplantat nach primärem Transplantatversagen mit allogenem Nabelschnurblut

Stammzelldosis und immunogenetische Disparität zwischen Spender und Empfänger gehören zu den Faktoren, die das „Engraftment“ (Anwachsen) der Stammzellen eines allogenen Nabelschnurblut (NSB) – Präparates beeinflussen. Ein sog. primäres Transplantatversagen („graft failure“) bei allogenen NSB-Transplantationen tritt in 10-16 % aller Fälle auf. Viele der Patienten mit fehlendem primären Engraftment können durch eine autologe Zweittransplantation (Knochenmark / NSB) erfolgreich hämatologisch rekonstituieren.

Einer 59-jährigen Frau mit mehrfach rezidivierten follikulären Lymphomen über einen Zeitraum von 21 Jahren wurde Knochenmark vor Beginn der zytostatischen Therapie entnommen und kryokonserviert (als Reservetransplantat bei fehlendem Engraftment). Die Frau erhielt nach Hochdosis-Chemotherapie 2 allogene NSB transplantiert. Aufgrund eines andauernden hypozellulären Knochenmarkes erhielt die Patientin am 66. Tag nach der ersten Transplantation ihre eigenen kryokonservierten Knochenmark-Stammzellen reinfundiert. Es fand eine langsame, aber progressive Verbesserung der Blutbildung innerhalb von 2 Jahren statt. Der Prozentsatz der Spenderhämatopoese im peripheren Blut betrug 5 Jahre nach der Transplantation von 2 NSB 77 %. Eines der beiden NSB hat sich durchgesetzt und ist für die Hämatopoese verantwortlich. Die Patientin befindet sich in kompletter Remission.

 

Quelle:

Long term lympho-haematopoietic reconstitution by umbilical cord blood stem cells following primary graft failure and autologous rescue
Br J Haematol 2012, 158: 419-420