Literaturservice Juli 2012

Medizinisch-wissenschaftlicher Literaturservice, Ausgabe Juli 2012

Inhaltsverzeichnis:

  1. Fachartikel: Nabelschnurblut-Zellen zur Wiederherstellung des Hörvermögens
  2. Fachartikel: Temperaturempfindliche Stammzellen in Kombination mit milder Hypothermie bei schweren traumatischen Hirnverletzungen
  3. Fachartikel: Die systemische Gabe mesenchymaler Stammzellen aus der Nabelschnur führt zu einer schnellen Heilung bei akuter Leberschädigung

 


 

Nabelschnurblut-Zellen zur Wiederherstellung des Hörvermögens

Im Januar diesen Jahres wurde das erste Kind im Rahmen einer von der FDA zugelassenen klinischen Studie (ClinicalTrials.gov Identifier: NCT01343394) mit dem eigenen Nabelschnurblut (NSB) behandelt, um den aufgrund einer Virusinfektion der Mutter während der Schwangerschaft erlittenen Hörverlust des Kindes zu therapieren.

Das 2-jährige Mädchen war völlig taub auf dem rechten Ohr und auch das linke Ohr wies eine hochgradige Schwerhörigkeit auf. Die heutigen Behandlungsmöglichkeiten beschränken sich auf die Versorgung mit Hörgeräten. Hierbei erfolgt eine Verstärkung von Geräuschen, diese ist im Ergebnis häufig nicht zufriedenstellend. Vorausgegangene tierexperimentelle Untersuchungen haben gezeigt, dass iv infundierte NSB-Zellen zum Innenohr migrieren, die Anzahl an Hörsinneszellen erhöhen und langfristig das Hörvermögen verbessern. Aus diesem Grund wird innerhalb einer Phase I Studie Kindern mit erworbenem Hörverlust, die autologes NSB eingelagert haben, dieses infundiert.

Das Hörvermögen des NSB-behandelten Mädchen hat sich innerhalb von 6 Monaten verbessert. Sie ist in der Lage, die Richtung des Geräusches zu lokalisieren und beginnt die ersten Wörter zu sprechen. Natürlich muss die klinische Studie erst beendet werden, um die wahrgenommenen Verbesserungen des Hörvermögens auf die NSB-Therapie zurückführen zu können. Ebenso bleibt abzuwarten, ob alle 10 in die Studie aufgenommenen Kinder von der Therapie mit dem eigenen NSB profitieren.

 

Quelle:

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Temperaturempfindliche Stammzellen in Kombination mit milder Hypothermie bei schweren traumatischen Hirnverletzungen

In einer tierexperimentellen Untersuchung zur Behandlung des schweren Schädel-Hirn-Traumas konnte gezeigt werden, dass ein leichtes Absenken der Körpertemperatur die Effektivität der transplantierten temperaturempfindlichen mesenchymalen Stammzellen aus der Nabelschnur (MSC) in Bezug auf motorische und kognitive Funktionsverbesserungen steigert.

Stammzelltransplantationen stellen einen vielversprechenden Therapieansatz für die Behandlung von Schädel-Hirn-Verletzungen dar. Die Überlebensrate der transplantierten Zellen ist jedoch aufgrund der veränderten Mikroumgebung nach Hirnverletzungen – abfallende Sauerstoffspiegel und aktivierte toxische Enzyme – sehr gering. Mit Hilfe einer leichten Hypothermie ist es möglich, die Mikroumgebung zu verbessern. Aus diesem Grund wurden temperaturempfindliche NS-Zellen generiert und Überleben und Differenzierungsrate unter Hypothermiebedingungen  im Hirntraumamodell der Ratte untersucht. Zusätzlich zu den temperaturmodifizierten MSC wurden Pufferlösung und nicht-temperaturempfindliche MSC in die verletzte Hirnregion implantiert.

Sowohl die Applikation der nicht- als auch der temperaturempfindlichen MSC bei Hypothermie (33 °C) führten zu einem deutlich verbesserten Überleben der transplantierten Zellen und zu einer Steigerung der motorischen und kognitiven Leistungen im Vergleich zu den unter Normothermie (37 °C) transplantierten Zellen. Darüber hinaus konnte gezeigt werden, dass die temperaturempfindlichen MSC unter Hypothermie noch bessere protektive Eigenschaften bei der Erholung der neurologischen Funktionen im Hirntraumamodell als die nicht-temperaturempfindlichen MSC aufweisen. Bei schweren Schädel-Hirnverletzungen könnte die Kombination aus Hypothermie und temperaturempfindlichen Stammzellen einen neuen Therapieansatz liefern, um die Überlebens- und Heilungsraten dieser Schwerverletzten zu steigern.

 

Quelle:

Combination of Temperature Sensitive Stem Cell an Mild Hypothermia: a New Potential Therapy for Severe Traumatic Brain Injury, J Neurotrauma 2012, June 1 (Epub ahead of print)

 


 

Die systemische Gabe mesenchymaler Stammzellen aus der Nabelschnur führt zu einer schnellen Heilung bei akuter Leberschädigung

Italienische Wissenschaftler konnten in einem Tiermodell der akuten Leberschädigung zeigen, dass mesenchymale Stammzellen (MSC) aus der Nabelschnur (NS) nach systemischer Anwendung eine schnelle Erholung des Lebergewebes bewirken.

Eine neue MSC-Population wurde aus humaner NS isoliert und charakterisiert. Die Differenzierung der MSC in Zellen mit hepatischen Eigenschaften wurde nachgewiesen. Des Weiteren erfolgte die Durchführung von in vivo Versuchen mit MSCs im Mausmodell der akuten Leberschädigung. Die Leberschädigung wurde durch ip-Injektion von Tetrachlorkohlenstoff (CCl4) induziert. CCl4  ist ein typisches Hepatotoxin, das neben einer zentrizonalen Nekrose auch eine partielle Apoptose der Zellen hervorruft. CCl4  löst oxydativen Stress in den Zellen aus und zerstört die Mitochondrien. MSCs wurden 24 h nach der Schädigung iv in die Schwanzvene injiziert.

Die injizierten MSCs konnten im geschädigten Lebergewebe nachgewiesen werden, nicht jedoch, wenn sie in gesunde Kontrollmäuse (keine CCl4 –Behandlung) injiziert wurden. Die mit MSC-therapierten Mäuse zeigten bereits 5 Tage nach CCL4-Injektion eine deutliche Abschwächung der inflammtorischen Prozesse im Vergleich zu den mit Puffer-behandelten lebergeschädigten Mäusen. In mit CCl4 geschädigten Mäusen ist die Aktivität der Katalase signifikant reduziert, so dass ein Schutzmechanismus gegenüber dem durch CCl4 ausgelösten oxydativen Stress nicht zur Verfügung steht. In Anwesenheit der MSCs konnte eine höhere Katalase-Aktivität nachgewiesen werden als in den lebergeschädigten Tieren, die eine Pufferlösung erhielten.

Die in vitro Untersuchungen haben gezeigt, dass MSCs in der Lage sind, eine Erholung der geschädigten Leber herbeizuführen.

 

Quelle:

Systemic administration of a novel human umbilical cord mesenchymal stem cells population accelerates the resolution of acute liver injury, BMC Gastroenterol 2012, 12: 88 (Epub ahead of print)