Literaturservice Juni 2012

Medizinisch-wissenschaftlicher Literaturservice, Ausgabe Juni 2012

Inhaltsverzeichnis

  1. Fachartikel: Transplantation einer mit Hilfe autologer Stammzellen „bio-engineerten“ Vene
  2. Fachartikel: Induktionstherapie bei Nierentransplantation mit autologen mesenchymalen Stammzellen
  3. Fachartikel: Transplantierte Nabelschnurblutzellen zeigen Dosis-Wirkungs-Effekt bei Hirnschädigungen und Gedächtnisdefiziten im neonatalen Hypoxie-Ischämie Tiermodell

 


 

Transplantation einer mit Hilfe autologer Stammzellen „bio-engineerten“ Vene

In Schweden wurde einem 10-jährigen Mädchen aufgrund eines extrahepatischen Pfortader-Verschlusses erfolgreich eine Vene transplantiert, die zuvor aus Knochenmark-Stammzellen der Patientin gezüchtet wurde.

Die verschlossene Pfortader des Mädchens wurde mit einem Bypass überbrückt. Dazu entnahm man einem verstorbenen Organspender ein 9 cm langes Segment der Beckenvene. Dieses Gefäß wurde mit Enzymen dezellularisiert, so dass nur noch das Bindegewebsgerüst übrig blieb. Anschließend wurde die Matrix mit aus dem Knochenmark der Patientin stammenden Zellen, die in vitro zu glatten Muskel-und Endothel-Zellen differenziert wurden, rezellularisiert: Die glatten Muskelzellen wurden für die Gefäßwand und die Endothelzellen für die Auskleidung der Innenschicht der Vene verwendet. Das „bio-engineerte“ Gefäß wurde transplantiert und der Blutfluss durch die Leber normalisierte sich. Eine Immunsuppression war nicht erforderlich.

Jedoch musste die Behandlung nach einem Jahr wiederholt werden, da Gewebeverwachsungen den Bypass verengten und den Blutfluss drosselten. Ein zweiter aus autologen Knochenmark-Stammzellen hergestellter Venen-Ersatz wurde dem Kind transplantiert. Eine Gefäßprothese aus Kunststoff wäre bei Kindern nicht optimal, da sie im Gegensatz zu biologischen Gefäßen nicht mitwachsen würde. Die krankheitsbedingte Entwicklungsstörung der Patientin verbesserte sich bereits innerhalb eines Jahres.

 

Quelle:

Transplantation of an allogeneic vein bioengineered with autologous stem cells: a proof-of-concept study, Lancet June 14, 2012 DOI:10.1016/S0140-6736(12)60633-3

 


 

Induktionstherapie bei Nierentransplantation mit autologen mesenchymalen Stammzellen

Die eigenen aus dem Knochenmark gewonnenen mesenchymalen Stammzellen (MSC) wurden bei Nieren-transplantierten Patienten eingesetzt, um die mit erheblichen Nebenwirkungen verbundene Medikation mit Immunsuppressiva zu reduzieren. Der Vergleich der Gabe von Standard-Immunsuppressiva versus autologer MSC nach Nierentransplantation in einer randomisierten klinischen Studie ergab in der Stammzellgruppe eine niedrigere Inzidenz für akute Abstoßungen, ein verringertes Risiko an opportunistischen Infektionen zu erkranken sowie eine schnellere Wiederherstellung der Nierenfunktion.

An der Studie nahmen 159 Patienten teil, denen eine von den Gewebemerkmalen gut passende Niere eines Verwandten transplantiert wurde. Die Patienten wurden in 3 Gruppen randomisiert. Eine Gruppe erhielt die Standardmedikation bestehend aus Induktionstherapie mit Anti-IL-2-Rezeptor-Antikörper, um frühe Abstoßungen des transplantierten Organs zu vermeiden und Calcineurin Inhibitor (CNI) als immunsupprimierende Medikation. Die 2. Gruppe erhielt die eigenen MSC und die Standard-Dosierung an CNI, während die 3. Gruppe Stammzellen und eine geringere Dosis an CNI (80 % der Standard-Dosis) erhielt.

Nach 6 Monaten wiesen 21,6 % der Patienten mit der Standardmedikation eine akute Abstoßung auf, während in der autologen Stammzellgruppe plus Standard-Dosis CNI nur 7,5 % und in der Gruppe Stammzellen plus geringere CNI-Dosis 7,7 % der Patienten Abstoßungsreaktionen zeigten. Die Wiederherstellung der Nierenfunktion erfolgte in den beiden mit den eigenen MSC therapierten Gruppen schneller als in der Standardtherapie-Gruppe. Das Risiko an opportunistischen Infektionen zu erkranken war während des einjährigen Beobachtungszeitraumes in den Stammzellgruppen um 60 % geringer als in der Standardtherapie-Gruppe. Die Daten sind sehr vielversprechend, dennoch müssen größere klinische Studien und Langzeit-Untersuchungen die Ergebnisse bestätigen.

 

Quelle:

Induction Therapy With Autologous Mesenchymal Stem Cells in Living-Related Kindney Transplants, JAMA 2012, 307: 1169-77

 


 

Transplantierte Nabelschnurblutzellen zeigen Dosis-Wirkungs-Effekt bei Hirnschädigungen und Gedächtnisdefiziten im neonatalen Hypoxie-Ischämie Tiermodell

Wissenschaftler berichten über eine deutlich verringerte Hirnatrophie im neonatalen Hypoxie-Ischämie Modell der Ratte nach iv Transplantation einer mittleren (1×107) und der höchsten (1×108) getesteten Dosis an Nabelschnurblut (NSB) – Zellen. Ebenso konnte 8 Wochen nach iv Transplantation der höchsten NSB-Zelldosis eine Abschwächung der Gedächtnisstörungen nachgewiesen werden. NSB-Zellen wurden bereits 7 Tage nach iv Transplantation im geschädigten Rattenhirn nachgewiesen.

Sieben Tage alten Ratten wurde durch Okklusion der rechten A. carotis und anschließender Inhalation eines 8%igen Sauerstoffgemisches ein hypoxisch ischämischer Hirnschaden induziert. Nach 24 h wurden 4 experimentelle Gruppen bestehend aus jeweils 10 Tieren gebildet, die mit unterschiedlichen NSB-Zellkonzentrationen iv transplantiert wurden (1×106, 1×107, 1×108) sowie mit Pufferlösung. In der Kontrollgruppe wurde eine Sham-Prozedur durchgeführt. Die Untersuchung der kognitiven Funktionen 8 Wochen nach Applikation der Zellen ergab, dass nur in der Gruppe mit der höchsten NSB-Zellkonzentration die räumliche Erinnerung wieder hergestellt werden konnte. Eine Geweberegeneration in der hypoxisch-ischämisch geschädigten Hemisphäre konnte nur mit der mittleren und der höchsten NSB-Zellkonzentration erreicht werden.

Die Ergebnisse zeigen, dass NSB-Zellen dosisabhängig die Fähigkeit besitzen, die Neurogenese zu fördern.

 

Quelle:

The Dose-Response Effect of Acute Intravenous Transplantation of Human Umbilical Cord Blood Cells on Brain Damage and Spatial Memory Deficits in Neonatal Hypoxia-Ischemia, Neuroscience 2012, 210: 431-41