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Die richtige Zeit des Abnabelns

Dass Nabelschnurblut gesichert und vorsorglich eingefroren werden kann, ist längst kein Geheimnis mehr. Vielen ist aber nicht klar, das verschiedene Faktoren die Gewinnung und die Qualität des Nabelschnurblutes beeinflussen. Solche Faktoren sind beispielsweise der Geburtsverlauf, die Verfassung des neugeborenen Kindes oder eben die Praxis des Abnabelns.

Die Frage nach der richtigen Praxis des Abnabelns ist eine emotionale und kann nicht klar beantwortet werden. Die Durchtrennung der Nabelschnur löst das biologische Band zwischen Mutter und Kind. Das klingt herzlos, es gewährleistet jedoch 3 ganz wesentliche Dinge.

Zum Ersten verhindert das Abnabeln weitestgehend, dass nach der Geburt zu viel Blut aus der Plazenta in das Baby transfundiert und das Neugeborene möglicherweise überversorgt wird.

Zum Zweiten verhindert das Abnabeln, dass Blut zurück in die Plazenta läuft und das Neugeborene einen Blutverlust erleidet.

Zum Dritten reduziert das Abnabeln das Risiko für nachgeburtliche Blutungen1.

Der richtige Zeitpunkt

Die jeweilige Geburtssituation bestimmt dabei den Zeitpunkt des Abnabelns. So kann das Neugeborene unmittelbar nach der Geburt abgenabelt werden wie es beispielsweise nach einer Kaiserschnittgeburt häufig praktiziert wird. Die Rede ist dann vom „sofortigen Abnabeln“ (engl.: immediate cord clamping, ICC).

Bei Frühgeburten wiederum wird das Neugeborene oft erst nach dem Verstreichen einer bestimmten Zeitspanne abgenabelt. Man spricht dann vom „verzögerten Abnabeln“ (engl.: delayed cord clamping, DCC).

Wird die Verzögerung soweit ausgedehnt, dass das vollständige Blutvolumen aus der Nabelschnur in das Kind übergegangen ist, spricht man vom „Auspulsieren“. Dieser Vorgang nimmt mehrere Minuten in Anspruch. Eine Alternative zum Auspulsieren ist das sogenannte „Ausstreichen“ (engl.: umbilical cord milking) der Nabelschnur. Hierbei wird das in der Nabelschnur verbliebene Blutvolumen buchstäblich in das Kind hinein gedrückt.

Zuletzt besteht auch die Möglichkeit, dass das Neugeborene gar nicht abgenabelt wird. Die Nabelschnur UND die Plazenta verbleiben am Kind und lösen sich nach einer gewissen Zeit von selbst. Die sogenannte „Lotus-Geburt“ ist jedoch keine gängige Praxis.

Eine Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (AMWF-Leitlinie 24/005) empfiehlt, dass reife Neugeborene nach einer vaginalen Geburt grundsätzlich nach 1 bis 1 ½ Minuten – also verzögert – abgenabelt werden. Das Ausstreichen der Nabelschnur ist nicht notwendig. Dagegen empfiehlt die Leitlinie, dass das Kind bis zur Abnabelung nicht über das Niveau der Plazenta gehalten wird. So soll ein Ablaufen von Blut zurück in die Plazenta vermieden werden1. In den USA empfiehlt das American College of Obstetricians and Gynecologists das verzögerte Abnabeln nach grundsätzlich 30 Sekunden bis 1 Minute, sowohl bei reifen Neugeborenen als auch bei Frühchen2.

Referenzen

AWMF. Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG): Betreuung von gesunden reifen Neugeborenen in der Geburtsklinik. 2012. https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/024-005l_S2k_Betreuung_von_gesunden_reifen_Neugeborenen_2012-10-abgelaufen.pdf. Accessed January 8, 2020.

2 Committee Opinion No. 684: Delayed Umbilical Cord Clamping After Birth. Obstet Gynecol. 2017;129(1):e5-e10. doi:10.1097/AOG.0000000000001860.